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5. NACH DER TRENNUNG
 
 
 
Als die erste Ehe mit Siri von Essen in die Brüche ging, machte sich Strindberg schwere
Sorgen, wie es den drei Kindern ergehen werde, wenn er von ihnen getrennt leben muß.
Voller schmerz und Unruhe wendet er sich im folgenden Brief an seinen Cousin Gotthard
Strindberg, mit dem er alle Jahre einen lebhaften Briefwechsel aufrechthielt.
Brief Nummer 63
                                                                                                       Dalarö, 12 August 1891
 Lieber Gotthard.
Nach einem Tag  mit Stimmungen, wechselnd zwischen Selbstmordmanie,
Platonismus, Cognac-am-Vormittag, Modellierung mit Bob und seinem Schwager,
refusierten Whist, Brief aus Wien mit "Gläubiger"-Angebot, Mahnbriefe, Herzfehler,
Sehnsucht nach den Kindern, Balzac, testamentarische Verordnungen, Interview,
eilig, auf der Straße mit meinem "Sommergeistlichen", bemerke ich  im Almanach,
ich habe nur noch drei Wochen, bis zum 8. September, wo das Gericht die vielen
Prozesse halten soll. Es beunruhigt mich, daß es so nah liegt. Denn, werden die
Kinder von der Mutter genommen, tut sie sich und den Kindern was an. Das will ich
nicht, sondern dann lasse ich das alles fallen.
Verberge mich bei Bergh und lege mich krank.
Aber meine Kinder? Ja, meine  Töchter bleiben in diesem verkommenen Heim -
Das Problem ist also unlösbar! Eine Sache deshalb, während ich daran denke. Wenn
mir etwas passieren sollte - Du bist mein Zeuge, daß ich ein Testament zugunsten
Elisabeths errichtet habe, nicht um die Kinder zu enterben, sondern um ihnen zu
retten, was ich habe.
Hilf Elisabeth mit meinen Briefen und Papieren, die ich mit Deiner Anschrift
versehe.
Laß meinen Kindern beibringen, daß ihr Vater sie niemals verlassen hat, und lasse
sie Gutes über ihren Vater reden, ohne Böses über die Mutter zu sagen. Erzähle
ihnen, in dem Jahrzehnt, da ich lebte, will sagen, Einkommen hatte, habe ich auf
alles verzichtet, habe ich für sie gearbeitet, auf feine Kleider,auf gewöhnliche
Vergnügungen verzichtet, durch Überproduktion meine Begabung ruiniert - und als
ich nicht mehr besaß, warf man mich weg.
Laß nach meinem Tod den Familienrat Vormundschaft begehren! Fordre das!
Laß die Kinder wissen, Fräulein David war die, welche den Vater  von ihnen
trennte, und daß sie eine schlechte Person ist, die sie verabscheuen und ihr ganzes
Leben ausweichen sollen. Sie sind ihr nichts schuldig, denn es gibt den begründeten Verdacht, daß von Ersparnissen aus  meinem Einkommen gelebt wird.
Lies alle papiere! Meine braune Tasche mit den Riemen. Alle!
Lehre meinen Kindern, den Namen Albert Bonnier immer mit Achtung und
Dankbarkeit zu nennen - daß sie stets - was sie auch von anderen hören - gut über
die Mitglieder seiner Familie sprechen.  Denn Bonnier rettete einmal den Vater
dieser Kinder vom Untergang und trug also zu ihrer immer lichten Kindheit bei, bis
Fräulein David sie verdunkelte.
Ich hätte diesen Brief später senden können! es gibt nichts zu beantworten,
deponiere ihn also.
   Dein Freund
   August Strindberg
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 Brief Nummer 64
An Ola Hanson.
   Dalarö, 5.August 1892
 Lieber  Ola Hanson.
Ich kann nicht loskommen! Hatte Pfändung für 200 Kronen Steuern am Tage nach
meinem Brief, erwarte neue Zwangsvollstreckungen wegen 500 Kronen Strafe,
Bußgeld und Gerichtskosten oder Gefängnis, wenn ich nicht bezahle, was
unmöglich ist. Du denkst, es hört sich an wie ein Märchen, aber es ist  die reine
Wahrheit, und wahrscheinlich gehe ich ins Gefängnis, denn ich habe wichtigere
Schulden.
Das ist Schweden!
Du erinnerst Dich, als wir uns letztens trafen, hatte ich eine große Brotarbeit:
Schwedens Natur im Werden. Nachdem ich das ganze schreckliche Land, Lappland
ausgespart, bereist hatte, schrieb ich ein Resümee zu einer Vorlesung, dessen
Einnahmen  mir das Niederschreiben ermöglichen sollten. Der Patriotismus hat sich
als nur blague gezeigt, die Vorlesungen mußten eingestellt werden.  Daraufhin
wurde die Vorlesung an AFTONBLADET verkauft, wo sie natürlich als neu und
ausgezeichnet befunden wurde - aber nie gedruckt wurde - nach Ablauf eines 3/4
Jahres. Sie enthielt nichts Ketzerisches , aber sie war so gut und der Neid ließ nicht
zu, daß ich , als einer der ersten Naturschilderer mit modernen Ansichten, mir einen
Namen machte.
Das ist Schweden!
 Daraufhin wurde es Albert Bonnier übergeben, der die Ansicht äußerte, die rein
naturwissenschaftliche Arbeit solle Novellen enthalten (seine eigenen Worte!).
Im Frühjahr schrieb ich "Sankte Per"!(196), was aber niedergeschimpft wurde von
einem Theaterleiter, der das Manuskript zur Lesung hatte. Die Folge: ungespielt!
Schrieb drei Einakter fürs DRAMATISCHE THEATER. Wurden angenommen, aber
nicht gespielt, weil....das weiß niemand!
Es scheint, Schweden bekommt keine Ruhe, bis ich tot bin! und als wartete man nur
darauf, das Begräbnis durchführen zu können!
Albert Bonnier, der Arbeitgeber der schwedischen Literatur, ist nun so weit
gekommen, er bestellt und bestimmt Maße, Farben und Qualität.
Indessen, nun beschäftige ich mich mit dem Mälarroman, ein "Die Leute von
Hemsö"am Mälarsee. Glaubst Du , es wird möglich sein, einen deutschen Verleger
zu bekommen, wenn das noch nicht herausgegeben Manuskript geschickt wird. Das
wird ein Gartenlaubenbuch, damit meine Kinder leben können und ich für meinen
"Antibarbarus" sammeln kann, der zu einem Sammlungsband von ½ Fuß
Durchmesser angewachsen ist.
Oder warum sollte nicht "I Havsbandet" (Insel..........) ein Buch werden? Oder
"Glückspeters Fahrt" oder "Die Schlüssel des Himmelreiches" könnte auf die
VOLKSBÜHNE, "Das Geheimnis der Gilde" oder "Frau Margit" am
DEUTSCHEN THEATER gegeben werden?
Wenn ich mein Buch fertig bekommen kann, werde ich sicherlich im Herbst nach
Berlin kommen, nur um nicht in Schweden  sein zu müssen, und bis dahin schiebe
ich alle Äußerungen über eure neue Richtung  in der Literatur auf, bei welcher ich,
ohne es zu wissen,teilhaftig sein soll, wie ein Franzose behauptet.
Mit Grüße an Frau und Kinder.
   Freundlichst
   August Strindberg
 
 
 
Eine Woche später kam der nächste Brief an Ola Hanson, in dem er wieder klagte, wie
elendig und verschuldet, wie gejagt er sei von den Gläubigern, wie er weg wolle von
Schweden, wie er nach Berlin kommen wolle, wo sich seine Werke gerade begannen
durchzusetzen.
Aus dem Brief vom 13. September 1892:
Brief Nummer 65
 Lieber Ola Hanson.
Die ganze Kunst ist , gerade jetzt hier weg zu kommen. Aber ich habe Schulden, die
ich nicht so lassen kann, ohne daß die Zeitungen nach mir suchen; besonders weil
ich gerade zwei Pfändungen hatte. Der Herbst ist da: ich wohne immer noch in der
Sommerfrische und kann nicht mal von hier weg.
[---] alle Resursen sind, während dieser drei greulichen Jahre, da ich zuhause war,
angewendet worden.
Sechs Stücke habe ich fertig, davon zwei richtig starke - wie den "Vater" und
"Fräulein Julie"[---]. In Schweden hat man Hindernisse der Unbußfähigen
errichtet, gegen alles was Aug Sg macht. [---]
[---]Man schreibt mir ja daß Henke  dabei ist, 3 Bände Aug Sgs Gesammelte
Dramatische Arbeiten heraus zu geben, und sie sind herausgegeben.(197)Aber wie
kommt man aus dieser Hölle? Hätte ich 200 Mark Reisegeld würde ich fliehen.
[---]
Um das Leben aufrecht zu erhalten, habe ich Bilder gemalt und verkauft! für Preise
wie Norrbrobilder(198)! Natürlich!
Dachte daran Photograph zu werden, um mein Talent zu retten! als Verfasser!
Kannst Du nicht irgend eine Möglichkeit sehen, mich hier nur weg zu reißen, um
mein psychisches Leben zu retten,[---]
Ist Quarantäne von Schweden nach Deutschland über Malmö?
Wie lange wohnst Du noch auf Rügen?
Man lacht hier über meine Misere, und ich würde sie total beenden, hätte ich nicht
die Kinder.
Mit Grüßen und Hoffnung auf schnelle Antwort.(199) 
 Freundlichst
   August Strindberg
 
Ola Hansson veröffentlichte diesen Brief in Zusammenarbeit mit seiner Frau  Laura
Marholm in der gerade von Maximilian Harden gegründeten Zeitschrift, DIE ZUKUNFT,
die mit einer Startauflage von dreißigtausend Exemplaren herauskam. Das Paar
Hanson/Marholm verschärfte die Wirkung des Briefes durch einige Sätze, dei dem Brief
nachgestellt waren. Es hieß da unter anderem:[---] nun kann die ganze gebildete Welt
sehen, wie Schwedens größtes Genie, nach einer fünfzehnjährigen, rastlos
stömenden Produktivität, auf Rosen gebettet ist, wie Schweden seinen größten Sohn
schätzt und sich selbst in ihm ehrt.
Ich weiß, diese Zeilen werden einen Racheschrei aus dem gelobten Land der
Eisenindustrie hervorrufen, aber ich habe darin Erfahrung und Beweise, die ich
vorlegen kann. [---]
Durch die Veröffentlichung des Briefes wurde Strindberg gezwungen, so erzählte er es
seiner zukünftigen Frau, Frida Uhl, Schweden, so wie es die Freunde vorgeschlagen
hatten, fluchtartig Richtung Berlin zu verlassen.
 
 
 
 An Maximilian Harden richtete Strindberg folgenen Brief, hier wiedergegeben in
ursprünglicher Strindberg'cher Diktion.
Brief Nummer 66
  Berlin: Potsdamerstrasse 27 A III
  D. 24.Dezember 1892
  Sehr geehrter Herr.
Erst neuerdings habe ich erfahren in welche Verbindungen(200) ich zu Ihnen war.
Verzeihen sie mir deswegen meine Unhöflichkeit, dass ich Ihnen nicht früher ein
Besuch gestattet habe.
Ich hatte nur, heute, mit meiner Karte, die Absicht die Briefe zu bekommen, welche
oftmals an die ZUKUNFT gesandt sind. Sehne mich allerdings nach einem
Zusammentreffen, und bitte dringend Zeit und Platz wissen: wann und wo wir uns
finden können.
In der Überzeugung dass alles merkliches sich erklären lässt trotz meines schlechten
Deutsch.
  Ihr natürlicher Freund
     August Strindberg
 
Strindberg warf sich Hals über Kopf in ein wildes Bohemeleben und traf die
verschiedensten, meistenteils skandinavischen und deutschen Schriftsteller, Maler,
Bildhauer, Wissenschftler und Musiker, wie Edvard Munch, Richard Dehmel,Holger
Drachmann, Hermann Sudermann, Christian Krohg, Adolf Paul, den Arzt Carl Ludwig
Schleich, aber auch schwarze Gestalten wie Stanislaw Przybyszewski und Dagny Juel
Der Kreis traf sich in einem Berliner Lokal, "Zum Schwarzen Ferkel", wo man sich traf,
aß und trank, diskutierte und stritt. Dort traf August Strindberg  auch seine künftige,
zweite Ehefrau. Schon nach kürzerer Zeit schrieb er an die geschiedene erste Frau
darüber.
 
  
AUGUST STRINDBERG
IN BERLIN 1893
 
An Siri von Essen.
Brief Nummer 67
   Berlin, den 27.März 1893
 Siri.
Du hast vielleicht in den Zeitungen gesehen, daß ich verlobt bin.(201) Das  ist und ist
auch nicht wahr, und damit Du Dich der Kinder wegen nicht sorgst, bitte ich Dir
sagen zu dürfen: Eine neue Ehe, die Einfluß bezüglich des Erbrechts u.s.w. hat,
kommt erst zustande, wenn meine Stellung ökonomisch voll garantiert ist - Ich
streite noch mit mir, ob ich meinen Kindern untreu werden soll und weiß kaum, ob
ich es will. Unter allen Umständen richte ich es so, solange die Gesetze anderer
Länder es zulassen, alle Vorteile Karin, Greta und Hans, welche meinem Herzen
nächst stehen, zukommen zu lassen.
Die Verlobung ist nicht bekannt gemacht worden und dies wird vielleicht nicht vor
dem Herbst geschehen, bis auf weiteres ist alles nur ein Gerücht.
Bin vom ganzen Lebensspiel ermüdet, Ehre und Schmach gesättigt, und lebe
außerdem in einem Land, wo die Landessitte jedermann zum gründlichen
Nachdenken über sein Hinscheiden veranlaßt. Und über meinem habe ich gründlich
nachgedacht.
Behalte genau in der Erinnerung, was ich in diesem und vielleicht einigen folgenden
Briefen schreibe, besonders Namen und Adressen.
Falls es Dir unangenehm ist, brauchst Du diese Briefe nicht beantworten!(202)
Ich werde Geld schicken, so schnell ich kann, sicher bald und direkt an Dich. [---]
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 August Strindberg hatte  am 7. Januar 1893 die östereichische Journalistin Frida Uhl (1872 - 1943) getroffen und war mit ihr bereits am 2.Mai d.J: auf Helgoland die Ehe eingegangen. Ungefähr zu dieser Zeit zog die erste Ehefrau, Siri von Essen mit ihrer Freundin Marie David und den drei strindberg'chen Kindern nach Helsinki. Nach dem kurzen Aufenthalt auf der gerade deutsch gewordenen Insel, die man als Trauungsstätte erwählt hatte, weil sonst August Strindberg bei einer Eheschließung im Reich oder in Schweden länger auf seine Scheidungspapiere hätte warten müssen, reiste das Paar nach London, um die  Augusts Werke dort übersetzen und bei einem Verlag heraus zu geben. Nach wenigen Wochen verläßt Strindberg  die britische Insel und verbringt den Sommer auf Rügen, während Frida in London bleibt und für ihren Mann nützlich sein will. Doch ohne Erfolg!Eine finanzielle Krise belastet die Ehe.August Strindberg beschäftigt sich nur mit chemischen Experimenten und seinen botanischen Interessen!
 
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Gemälde  "Der Mond" - Frida Uhl - August Strindberg in Saxen (Östereich)Winter 1893/94
 Das Haus Mondsee -   Der malerische Ort Saxen an der Donau - (in Uhrzeigerrichtung).
 
 
Während des Sommers kommt es zu einer Aussöhnung mit Frida und das Paar läßt sich in Berlin-Pankow  nieder und August gelingt es drei seiner Gemälde auszustellen.
Während dieses Jahres ist August recht erfolgreich beim Berliner Theaterpublikum mit "Der Gläubiger", "Die Erste Warnung" , "Vor dem Tode"  sowie mit "Spiele  mit dem Feuer", das im Dezember 1893 auf dem Lessingtheater in Berlin zur Uraufführung kam.
Als Frida schwanger wird, kommt eine neue Krise in das Verhältnis der zwei großen Individualisten und Frida zieht auf das Gut ihrer Eltern nach Östereich. Strindberg folgt nach kurzer Zeit, nachdem man sich erneut ausgesöhnt hat nach und verbringt den Winter mit botanischen und chemischen  Studien.
***
 
 
 
 


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