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giftiger Gesellschaftssatiren brannte Strindberg der Boden unter den Füßen und er verließ Schweden, und eine mehrjährige Irrfahrt durch Frankreich, Schweiz, Deutschland und Dänemark, mit Not und Mangel im Gepäck begann für die junge Familie. Eigentlich war die Ausreise schon im Herbst des Vorjahres beabsichtigt worden, aber dann auf Drängen seiner Freunde in der Bewegung "Unga Sverige" (Junges Schweden), aber besonders auf eindringlichem Rat seines Freundes Pehr Staaf, der davon redete, "daß man sich nicht gerade jetzt feige zeigen dürfe und ins Ausland fliehe. Durch das Tagebuch der Hausgehilfin Eva Carlsson hat die Nachwelt Kenntnis davon, daß der Abreisetag der 12.September war, selbst hat Strindberg in keiner Zeile, in keinem Brief das Datum genannt. Er war mehr auf der Flucht vor seinen Freunden, als vor seinen Feinden, denn gerade zu diesem Zeitpunkt war die finanzielle Lage, die sonst immer angestrengt war, durch die großzügige Unterstützung, die Bonnier Strindberg gerade nun angedeihen ließ, ziemlich entspannt. Stralsund und trank Fliedertee. Ich restaurantierte mit Austern (außerordentlich) und Rheinwein im Ratskeller zu Lübeck und dito im guten Ratskeller zu Bremen. In diesen Kellern ist alle Stimmung weg, Gaslampen und Annonsplakate zerstören den Effekt. Ich wußte vorher, nichts entspricht den Beschreibungen und bin deshalb keineswegs düpiert. Den Teil von Europa, den wir gesehen haben und sehen von Stralsund bis Köln ist so verdammt häßlich, so daß Småland mit seinen Steinen wunderschön ist! Reise niemals um was zu sehn, es gibt nichts zu sehn! Die Wohnung wechseln kann man gerne! Wir reisen nur kurze Stücken und schlafen jede Nacht. Am 20. sind wir in Paris! Die Kinder haben uns große Freude gemacht, sie verschreckten und vergraulten alle Passagiere aus dem Coupé; sie wurden regelmäßig auf allen Stationen im Fenster gezeigt. Leider sind die Deutschen mehr kinderliebend als die Schweden, wenn auch eine von mir persönlich in Stralsund gekaufte eiserne Harmonika mit zwei Oktaven Umfang und zwei Anschlagstöcken aus Birke deren unerlaubte Liebe zu den weißhaarigen Kindern anderer Leute etwas verminderte! In meiner Eigenschaft als Schmutzverfasser habe ich besonders die Klosetts der Hotels studiert. Auf die glänzenste Erfindung traf ich in Hamburg. Dort dreckte man in etwas, was einer Suppenschüssel ähnelte und wenn man sich umschaute, war da nichts zu sehen, ungeachtet man darauf schwören konnte, ein paar Meter abgelegt zu haben; Die Schale war nach der Verrichtung so fein, man hätte echte Schildkrötensuppe daraus essen können, obwohl kein Wasserplätschern hörbar wie in Stralsund, wo, als man sich gesetzt, die Dichtung nachgab und ein strömendes Wasser zu fließen anfing. Es war vollkommene Zauberei. Genug von Klosetts! Wir trafen uns nie persönlich in Stockholm auf Grund von Briefhinderung. Wir müssen also schreibweise die Bekanntschaft in Gang halten! Ich hoffe, Du hast die Bücher von Gustaf af Geijerstam empfangen! Hat an den Gedichten die Korrektur begonnen! Solltest Du richtige Idiotien antreffen, so ändre sie ohne weitre Scherereien, und lasse keins ausschließen! Im Stück 'Djuplodning' (Tiefenlotung) soll Schlußstrophe lauten: haben, und gerechterweise solltest Du wohl eine mehr realistische Anerkennung erhalten, wie ich es auch Alb[ert] B[onnier] vorschlug, aber er behauptete daraufhin, es handle sich nur um eine freundschaftliche, letzte Kontrolle vor dem Druck und redete drumherum, wie Du Dich erinnerst! Na, wir haben seit langem viel miteinander zu tun und ich lebe immer noch auf Vorschuß! Indessen, nun habt ihr ein höllisches Rabalder zuhause, aber es sollte diesmal schnell im Weihnachtstrubel ertrinken! Ich öffne nunmehr keine Briefe, lese keine Zeitungen und kommen mir babbelnde Skandinavier zu nahe, so ziehe ich! Nun fühlen wir uns wohl! Siri hat den ganzen Haushalt und ist ihr eigenes Dienstmädchen; wenn sie frei ist, besucht sie THEATRE FRANCAIS, das sie jedoch teilweise erbärmlich finden muß! Sonst nur stille Friedlichkeit und wenig Umgang. Dieser Satansmensch, der auf die Idee kam, dieses wichtige Paket der Madame F. anzuvertrauen, hat mich daran gehindert, mit B.B. Verbindung aufzunehmen.Wo, zur Hölle, ist dieser Mensch, oder richtiger, die Bücher! Kann dieses Aas nicht polizeilich in Cöln gesucht werden? Jetzt schreibe ich an den "Sömngångernätterna"(Schlafwandlernächten), welche zu Neujahr auftauchen werden, fünf Stück! Der Einzug in Kristiania (126) war ein großer Erfolg in Norwegen und der Verfasser wurde abgezeichnet in VERDENS GANG. Apropos Geijerstam und Fallström, Schriftstellerei! Unter uns gesagt! Deren berühmte Analyse geht, meiner Meinung nach, nur die Votze an, größere Fragen haben sie nicht. Und wenn sie weiter so mit ihren Pimmeln spielen, können sie nie einen richtigen Beischlaf durchführen, wenn sich dazu Gelegenheit findet! Analyse? Leck mich am Arsch für diese Analyse. Und die Formeln! La formule! Zu feige ins Feuer zu fassen! Wollen so gerne berühmt werden, aber mit heiler Haut! Aber so geht das nicht! Talent gibt es genug! Aber Talent ist Mittel nicht Ziel! Deren Unterleibsleiden werden langweilig und kommt G[ustaf] af G[eijerstam] noch einmal mit seiner Mösenanalyse ist er am Ende! Du wirst es erleben, die sogenannte Neue Richtung wird, sobald sie eine Richtung ist, auseinander brechen; 10 die jungen Glückssucher, die von dem kleinen Ehrgeiz pißnötig sind und für soziales Ansehen schreiben = die alten Ästhetiker, die Schönheit fordern, d.w.s. gepflegte Sprache u.s.w. = Analyse! 20 die, die ihren großen geraden Weg gehen, ohne auf irgend welche Formeln zu hören. Die neue Poussierschule sieht an den größten Fragen vorbei: wahrscheinlich auf Grund einer gewissen Gleichgültigkeit für das Wohl der Gesellschaft, also Egoismus, oder aus Furcht, sich zu blamieren! Der Mensch als psychologisches Tier ist nicht das höchste Problem, kann auch nicht ohne Milieu erklärt werden; siehe Zola! Er hat sowohl das Milieu der Gesellschaft als auch die Seele des Individiums. Unsere Mösendichter, die nur in der Votze graben wollen, aber dort finden sie keine Rätsellösungen; und alles andere existiert nicht für sie; Gesellschaft, Staat, Natur, doch wenn die Gesellschaft ihr Ficken hindert, dann schlagen sie mal auf die enge Gesellschaftsordnung! Es reicht! Fallström schreibt manchmal ausgezeichnete Verse, was ich ihm geschrieben habe! Lebwohl und grüße alle! Besonders Branting! Untersuchen meiner Seele, die einem Mäusenest gleicht, wo Reste des alten Christentums, Fetzen des kunstverherrlichenden Heidentums, Späne des Pessimismus, Adern von Weltfeindlichkeit huller um buller liegen, und was zu keinem Resultat führt und das ungeachtet Deiner und Jonas Lies (127) kräftiger Hilfe! Ich habe Anfechtungen von allem:Asketismus, Epikurismus, Pietismus und Ressimismus, Anfall von wildesten Optimismus; mir ist , als ,wäre ich zersprungen und alles rinnt aus in einem großen Chaos. Nun fühle ich ein großes Bedürfnis, mich Dir anzuvertrauen, strenger Bjørnson, der bis auf die Nieren kritisiert und bist Du unversöhnlich, so bitte Jonas Lie für mich zu beten [ - - - ] Mein Widerwillen gegen Kunst, als existierende Verfälschung, hat eine Art Charakter von religiösen Fanatismus angenommen! Bonnier bestürmte mich den ganzen Herbst nicht an "Likt och Olikt" (Gleich und Ungleich) weiterzuschreiben sondern einen Roman zu schreiben, weil ein Roman geht (d.w.s. gibt mir doppelt soviel wie die reine Wahrheit). Das war ein neuer Grund für mich reine Prosa zu schreiben! Ich wollte die Stacheln meiner Seele fühlen, wenn andre mich als verbrauchten Autor sehen, ein toter Mann, der aus der Not eine Tugend macht. Ich habe es gespürt! Na! Aber nun kommen die Folgen! Man hört auf mich zu lesen! Ich werde wirklich tot und meine Worte fliegen in den leeren Raum! Jetzt kommt das Dilemma! Um nützlich zu sein, muß ich gelesen werden! Um gelesen zu werden, muß ich Kunst schreiben, aber ich finde Kunst unmoralisch. Also: entweder sterben mit einer reinen Seele oder eine unmoralische Tätigkeit fortsetzen! Löse diese Frage! So kommt, beim Grübeln und Kämpfen, der schwarze Teufel, der in meinem Herzen sitzt und über alles grinst und dann erwacht der epikureische Kunstgeist in mir und ich sehne mich zum Genuß, den Kunstproduktion schenkt und es ist ein kolossaler Genuß, aber gerade darin liegt das Unmoralische. Gerade habe ich eine ultra-optimistische Erzählung (128) vollendet, dei zeigte, daß ich immer noch die künstlerische Fähigkeit besitze, aber wenn der Tag kommt, an dem ich mit meiner Kunst gebrochen habe, dann werde ich auch die Fähigkeit verlieren und dann bin ich des Todes! Ich habe Pläne zu den herrlichsten Kunstwerken, vollkommen, vollkommen, aber ich kann mich selbst nicht überzeugen, sie auszuführen, obwohl ich weiß, sie würden mein Glück machen, und mir Ansehen verschaffen! Was mich heutzutage zur Kunst lockt, ist leider die Aussicht auf großes Ansehen, denn Ansehen gibt dem Wort Macht! Aber ich verwickle mich in Widersprüchen, aus denen ich mich nicht lösen kann! Aber doch ersehne ich so hohes Ansehen, daß es keinen Zweifel über meine Kunst gibt: dann will ich meine Schreibfeder zerbrechen und sagen: Seht her, jetzt beende ich mein Spiel und wende mich dem Ernst zu! [ - - - ] Aber es ist noch zu früh dazu, solange mein Ansehen so umstritten ist. [ - - - ] Ein verlogenes Leben im Widerspruch mit sich selbst zu leben! Aus Not gezwungen - Und meine Kunstwerke? Die werden der Schönheit wegen genommen, und nicht , weil sie wahr sind! Man ißt das Fleisch der Früchte und spuckt den Kern aus! Und es war doch der Kern, den man schlucken sollte. So kommt und bietet Kerne an, hart wie Stein! Wer wird die in den Mund nehmen! Und so kommt die harte Wirklichkeit und so kommen die müden Augenblicke! [ - - - ] Du Bjørnson! Mach es wie Ibsen! Setze Dich in eine Ecke, wie ein zweiter Moses auf den Berg und sage ein Wort einmal im Jahre und sage es so listig, daß niemand versteht, was Du sagst, dann liegt das Volk im Sande und betet zur Sfinx! Weißt Du, langsam hasse ich Ibsen ein wenig nach dem "Volksfeind"! Es liegt etwas unzuverlässig Ästhetisches bei ihm [ - - - ] Brand mit dem Medchichi-Orden um den Hals! (129) Und "Nora oder ein Puppenheim"! Der Frauenhasser Ibsen! Das war ein Manöver, das den groüen orzug hat, daß es glückte! Als Frau Hwasser schrieb und fragte, was er mit dem Stück meinte und ob Nora wiederkommen werde, so antwortete er: daß er es nicht wüßte! Da hast Du den Ästhetiker und Kommandör. Aber es ist wahr; er hat "Gespenster" geschrieben! Ich darf ihn nicht hassen! Nein! Ich werde sein Beispiel folgen und Moses auf dem berge werden! [ - - - ] Aber um das zu sein, muß man Renomist werden! Gut, ich werde auch das lernen! Zum Teufel mit meiner Seele, wenn ich damit 10000 retten kann, und das kann ich nur, wenn das Volk mir zuhört! [ - - - ] Alle Mittel sind erlaubt, außer die unehrenhaften, wie einen Orden annehmen und die Meinung verkaufen! Nun Bjørnson werden Deine Worte über Europäischen Ruf wurzeln in meiner Seele schlagen! Ich habe das früher verachtet, aber tue es nun nicht mehr! Das war eine Beichte und ein Gespräch um meine Gedanken zu ordnen! Danke für Deine Briefkarte! Lebewohl und grüße alle! Thomesens (130) grüßen! Der Alte und ich rannten am ersten Abend zusammen, aber seine Tochter ist gute Gesellschaft für meine Ehefrau! Lebewohl
7.Oktober 84
Mein Krug ist zerbrochen. er ist zu lange zu Wasser
gegangen! "Heiraten"ist
beschlagnahmt und Strindberg wird zu 6 Monaten Långholm (131) verurteilt. Où est la femme? Aber ich werde durch Handlung meine Mißachtung zeigen für dieses dumme Gesetz und nicht heim reisen. Heim? Was habe ich fürHeim in Schweden? Das schlimmste ist, daß Bonnier eingelocht werden kann. Dann muß ich Heim und mich stellen. Das graust mir. Ich mag keine Demonstrationen an Landungsbrücken und Bahnsteigen. Schreibe keine aufgeblasenen Proklamationen. Das Schlimmste ist: Die Frau weint und das Kind ist krank. Wie kann ich die in die Oktoberkälte hinauszerren. Wohne in Genf.Trist! Sehe jeden Tag den Platz auf dem die Schriften von Rousseau und Voltaire vor dem Hotel de Ville verbrannt wurden. Ein kleiner Trost, wenn man wie ich für die Gegenwart schreibt und nicht für die Unsterblichkeit. Gestern war ich im Buchladen der Nihilisten (132) . Dort war nur eine Frau, dessen Kind im Nebenraum zu weinen anfing. Sie kam heraus mit einem halbnackten kleinen Buben. Du darfst nicht glauben, daß sie es hier in der Stadt sehr lustig haben; da sind sie keine Helden, wo es 100 Millionäre auf 60.000 Einwohner gibt! Wie geht es Deiner Tochter und Deiner Ehefrau? Du hast ein stilles munteres Leben in Deiner Welt der Schönheit, du. Euer kaiserliches Reskript habe ich empfangen und werde die Ehre haben, es vollständig unbeachtet zu lassen. Humbug, so habe ich andere und größere Aufgaben im Leben. Meine Spitzfindigkeit, (135) daß ist mein schärferer Verstand. Den zu achten Du endlich lernen solltest! Und Du solltest auch Achtung für mein Wissen haben, Du, der, wie Du gesagt hast, nie ein Buch liest. Wenn Du weniger reden und mehr läsest, würdest Du genauso weit gekommen sein, wie ich! Nimm nun Ratschläge von einem Geist, der stärker ist als Deiner, ein Geist, der den mächtigen Schutz des "schönen Geschlechts" entbehren konnte. Sei nicht so altmodisch romantisch! (Man lacht über Deine Proklamationen in den Zeitungen). Sei wahrhaftig! Bjørnson! Du bist falsch wie ein Festredner. Sei wahrhaftig! Im Detail! Du hast mir gestanden, Du hättest das Schauspiel "En Handske"(Ein Handschuh) geschrieben,um die Frauen für Dich einzunehmen, da alle anderen Dich verlassen hatten! Sei unmoralisch Bjørnson, wie Du in Deiner Jugend warst, denn die Tugend,die nach 50 Jahren kommt, die taugt nicht zum Predigen! Laß die starken Getränke stehen und trinke Wasser wie ich, dann wirst Du klar denken und mein Buch verstehen! So bin ich Dir die Antwort nicht schuldig! Halten wir das nun für uns! Für unsere teilweise gemeinsame Sache sind wir zu unentbehrlich, um unseren Streit an die große Glocke zu hängen! Halte Dich demzufolge ruhig und lasse mich meine Angelegenheit regeln. Du hast schon früher viele Sachen durch Dein bubenhaftes Benehmen zerstört. Jetzt stehe ich so einsam in meinem Kampf, wie weder Du oder Ibsen waret, obwohl ihr damit geprahlt hattet, da ihr gleichzeitig von Verehrerinnen umlagert wart. Ich bin so einsam, wie man nur sein kann, denn ich habe meine Frau gegen mich - Aber draußen in "den Weiten", (136) dort trifft man den großen Geist der Natur und man kann allen Menschen den Rücken zuwenden! Und nun leb wohl! Laß mich in Ruhe, und lies meine Schriften, so kannst Du etwas lernen! Aber lies sie selbst! Ich folge nicht solch einem unmoralischen Rat, nach hause zu fahren und zu demonstrieren, um Reklame zu machen, die meine Bücher nicht benötigen. Falls die Jury mich morgen (137) freispricht, reise ich am Abend. (138) Recetten im Neuen Theater ist aufgeschoben. (139) Ich habe genug von Schweden, und will diesem Land nicht noch eine Nacht schenken. Ich mag keine Ovationen und auf die Gunst des Volkes baue ich nicht. Meinen Dank für das erwiesene Wohlwollen und die gute Unterstützung. Meinen ehrerbietigen Gruß an die Familie, die ältere und die jüngere ohne Besuch. Bettlägrig seit der Ankunft mächtige ich nur in Kürze auf Ihren Brief (140) zu antworten, daß eine Änderung, mit Ausnahme von ein, zwei schweren Wörtern (worüber wir auch einig waren), nicht in Frage kommen kann. Ich habe öffentlich erklärt, daß mein Buch ernsthaft durchdacht war und dabei bleibe ich. (141) Dem Feind die Waffen zu übergeben, wenn dieser es begehrt, ist eine Eselei. Nur weil ich Schelte bekam, ändre ich nicht Schreibart und Ansicht,das sollten Sie wissen und mein früheres Verfassen hätte Sie auf das, was geschah, vorbereiten müssen. Wollen Sie nicht mein Verleger sein, müssen wir uns wohl wie Abraham und Lot verhalten, plus daß ich mein Konto ordne. Ich kann absolut nicht sehen, daß Sie mit der Macht der Kapitals das Recht hätten, mich zum Schweigen zu bringen, eine Macht, die weder Schwedens Justizminister noch das Svea Hofgericht hatten: und da ich nur die erste Auflage von "Heiraten" verkauft habe, kann ich, nachdem ich Sie Ihnen vertragsgemäß angeboten habe, und Sie sie refüsiert haben, das Buch einem andern anbieten, der mich auch gleich von meinen Verpflichtungen Ihnen gegenüber löst, so wie Sie mich einmal von Looström (142) lösten. Ihre Antworten in der Frage abwartend und mit Hoffnung auf eine Friedliche Lösung unterzeichne ich Ich bin krank gewesen, sonst hätte ich früher auf Deinen Brief geantwortet. Als ich Dir letztens schrieb, (143) ich glaube, es war an dem Abend, da die Heimreise, durch Anzeigen-Erklärung als unnötig erklärt worden war, und ich wollte, glaube ich, mich zur Ruhe begeben (war es so?). In der Nacht wurde ich zweimal um 11 Uhr und um 2 Uhr durch Telegramme geweckt - und am Morgen reiste ich ab. Das war eine verdammte Reise zum Land der Mastodonte. Archäologie für mich. Aber das Volk wollte, daß Strindberg gekreuzigt werde und Märtyrer spiele und Prophet und Tribun und all das! Und so geschah es! Ich hielt Perronansprache, (144) empfing 300 Briefe und Telegramme, hielt eine Haustürrede, (145) bekam Deputationen, Ovationen, Galaspektakel, Grobheiten, Pfiffe, Lorbeerkränze, Blumen und Scheuerwedel! Die Anklage war für mich Ägyptische Vorgeschichte. Das Publikum erwartete eine Probe strahlender Rhetorik und im Coupé zwischen Malmö und Nässjö schrieb ich mit Bleistift einige Zeilen. Über die Piccardonlehre zu streiten, war für mich, der so weit in der Zukunft, bis zum Kommunismus, lebt, vollständig sinnlos. Ich kam nachhause, um Albert Bonnier frei zu bekommen und nichts anderes. Aber siehe, daß war nicht die Meinung der Öffentlichkeit! August Strindberg wurde zur Herbstschlacht gebraucht. Leider war ernicht der Mann, den sie suchten. Sie benutzten ihn auch zu allem: vom Positivismus, (146) Wahlbewegung und Abstinenzbewegung, um ihn schließlich auf einen Zigarrenkasten zu setzen. Und dabei wollte ich ein Exempel statuieren und dem Stadtgericht von Genf aus ins Gesicht spucken und den Gewaltgesetzen trotzen und damit der Welt eine neue Art der Antwort auf die Roheiten der Oberklasse zeigen - ich, der ich Romantik auf Landungsbrücken und Banketten verachte - ich mußte all das auf mich nehmen! [---] So brausten Bjørnsson und ich aufeinander. Beschimpfungen und Beckmesserei. Ein Wort gibt das andre. Als ich nach Stockholm kam und seine stattlichen Artikel las, war ich verstimmt und ich war verstimmt, von den meinen getrennt zu sein: darum schickte ich ihm ein sentimentales Telegramm. Darauf antwortete er in einem offenen Brief an Gejerstam (dem jungen). Ich las natürlich nicht den Brief und B[jørnstjerne] B[jørnsson]s Beleidigung, mich unter die Vormundschaft eines Jünglings zu stellen, machte jeden weiteren Umgang zwischen uns unmöglich. [---] Auf jeden Fall war es von B.B. nicht sehr fein, dazusitzen und mir in den Rücken zu hauen, wo es doch um zwei Jahre Sklaverei ging. So ich schrieb eine Visitenkarte und drohte ihm, (147) falls er sich nicht zurückhalten konnte und sich dummdreistig benahm. Da verlor B.B. seinen letzten Mut und schickte seine rasende Frau vor, die Dummheiten schrieb, die ich ungeöffnet an Geijerstam weiterreichte. Darauf erklärte die schlechte Zeitung FIGARO, daß B.B. seinen Artikel in DAGENS NYHETER (148) zurück genommen habe, und so wurde B.B. von der rechten Hetzpresse gefeiert [---] Daraufhin begann er eine neue Attacke in TIDEN und verlautbarte in artiger Form, ich sei ein Schurke, falls ich nicht heimgefahren wäre. Daraufhin war meine Antwort, daß er ein Lump sei, wenn er mich Schurke nennt. Das waren nun erbauliche Sachen für Dich, lieber Lie. Aber das traurige ist, daß diese Geschichte des B.B. unsere ganze große Zusammenarbeit schaden kann. Meine Parteifreunde, ich habe solcher viele, erfassen das Eingreifen eines Norwegers in eine schwedische Frage als Unverschämtheit und seine Majestät Bjørnsson darf nicht Strindberg in einem schwedischen Blatt niedermachen. Was wäre, wenn ich B.B. in einer norwegischen Zeitung, im DAGBLADET, niederhauen würde. Das würdet ihr niemals drucken! Aber der Schwede ist ein Kriecher und höflich zu jedem. Eine andere Sache. Du sagtest einmal, Du glaubtest, der Schwede könnte explodieren. Gut, ich glaube das auch. Ich will Dir jetzt etwas mitteilen, auf Ehre und Gewissen und Schweigegelübte. In Stockholm war ich auf Versammlungen mit jungen gebildeten Fanatikern. Wäre ich unverheiratet, dann würde es jetzt Schluß sein mit der Bernadottedynastie, nicht durch Revolution sondern Attentat. (149) Die Nationalregierung war ausersehen, die Grundgesetze geändert, Grundriß des Schlosses, sowie Untersuchungen der Umgebung, Minen u.s.w., alles fertig. Nach solch einer Konferenz schlief ich nachts schlecht, das war schade. Man bat mich von Genf aus, die Leitung zu übernehmen. Ich versprach es, werde es aber nicht tun. Die Unzufriedenheit in Schweden ist groß. Die ganze Garnison ist aufrührerisch, die Armee unzufrieden, wegen des vom Hofe ernannten Haufens untauglicher Chefs [--] Ich war die ganze Zeit von Detektiven bewacht und man hatte mehr Angst vor mir, als ich vor denen. Ich ließ den Överståthållare (150) fragen, ob ich nach Hause fahren dürfe, um meine Geschäfte zu ordnen. Erhielt die Antwort: mit größtem Vergnügen! Genug davon: Sage B.B. , daß er keinen Finger mehr gegen mich erhebt. Wir haben zu große allgemeine Interessen, um es für privaten Zank und Neid aufs Spiel zu setzen. Wenn ihr in Norwegen einen Vizekönig bekommt, könnt ihr ruhig Aufruhr machen. Die schwedische Armee wird keinen Schritt gegen euch vorgehen! Wäre ich mit Gefängnis bestraft worden, hätte es Unruhen gegeben. Scharfe Patronen waren ausgeteilt und Kavallerie stand bereit. Der Schwede hatte richtig schlechten Humor! Wie auch immer! Jetzt nehme ich Abschied von Schweden und der Welt und ziehe wieder in die Einöde zum Denken und Lesen über die großen Fragen der Zukunft. Ob ich mutig war oder nicht ist ja eine Detailfrage, worauf B.B. keine Zeit verschwenden sollte. Das ich Nutzen gab, das ist sicher und deshalb sollte B.B. mir verzeihen, daß ich so gefeiert wurde. Wüßte er, wie ich geschmäht wurde, wäre er zufrieden. Bitte ihn, jetzt zu schweigen. Er hat mich als Freund geprüft, als Feind soll er mich fürchten. Ich greife nicht an, aber ich verteidige mich und das mache ich sehr gut!
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