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Zur Literatur von und über August Strindberg
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August Strindberg
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Nach der Studienreife 1867 begann Strindberg ein Medizinstudium in Uppsala, mußte aber nach nur einem Semester, aus Geldnot, das Studium unterbrechen und in Stockholm zu den verschiedensten Arbeiten  übergehen: unter anderem als Volksschullehrer für 900 Reichstaler Jahreslohn im Frühjahr 1868, betrieb alsdann für die Fortführung des Medizinstudiums vorbereitende Studien in Chemie am Technologischen Institut. Alsbald arbeitete er als Statist am Königlichen Theater und nebenbei mit Gelegenheitsarbeiten, schließlich als Hauslehrer bei zwei vornehmen Stockholmer Arztfamilien. Der eine der Ärzte, Dr Axel Lamm, in dessen Wohnung viele Künstler der Metropole verkehrten, wurde zu einem wohlwollenden und väterlichen Freund, der ihm bis zum Frühjahr 1870 Quartier in seiner Wohnung gab, da Strindberg das Studium in Uppsala wieder aufnahm. Sein engster Vertrauter während dieser Zeit war sein Cousin, der Großhändler Johann Oscar Strindberg (1843-1905), der nicht nur Strindbergs Geschäfte führte zu dieser Zeit, sondern auch selbst literarische Ambitionen hatte und Veröffentlichungen unter der Signatur Occa herausgab. Im folgenden  Brief berichtet August Strindberg  an Johan Oscar Strindberg über die enthusiastische Aufnahme, das sein Einakter "I Rom" (In Rom) bei seinen Kameraden  Axel (Jäderlin) und Arvid (Vikström) erweckt hatte. Dieses Stück erreichte als erstes von seinen Jugenddramen 1870 die Bühne. Es wurde auf dem Königlichen Theater am 13. September 1870 uraufgeführt.  
August 17 Jahre
 
Brief Nummer 3
                                                                           Uppsala, 1.April 70
              Bester Oskar!
Produziert Nykvarn(6) kein Papier mehr - oder hast Du meinen Brief, 2 Bogen umfassend, nicht erhalten - oder bist Du krank - oder bist Du wütend  auf mich, weil ich nicht fleißig genug Deine Briefmarken angewendet habe - oder welch Teufel reitet Dich nun? "Ich habe gesprochen!!" Nun ja! Du kennst mich, und es ist Dir nichts Neues, daß ich in der ersten Person singular spreche, denn es ist so gut, direkt mit dem Steinewerfen zu beginnen. Ich bin immer noch im dritten Akt des Erik(7) - (das erste Bild spielt hier im Schlosspark mit dem Schloß im Hintergrund) - der Grund, warum ich nur acht Tage Ferien genommen habe, ist der folgene: Wie Du weißt, hatte ich in Stockholm eine Komödie geschrieben in einem Akt, "In Rom", die nie fertig wurde, geschrieben - welche ich eines Tages einem Kameraden vorlas - er war entzückt und bestürmte mich ernsthaft sie zu vollenden(8) - Ich nahm sie mir vor, schrieb alles um von Anfang an, und nun ist sie fertig - 600 gereimte Verse - jetzt ließt Du sicher kurze Abendgebete für mich, der sie Dir nicht zum ins reine schreiben schickte - aber die Sache ist die, daß ich sie so schnell wie möglich einliefern wollte, und da es ein Kamerad guterweise auf sich genommen hat, sie unter meiner Aufsicht ins reine zu schreiben(9), so fand ich es so am praktischsten - denn zum einen hättest Du mich über alles fragen müssen, zum anderen hätte es sich verzögert - Du darfst das nicht als mangelndes  Vertrauen auffassen - und ich werde Dir das Manuskript in Kürze zum Durchlesen zuschicken - Sieh, hier ist eine Besprechung darüber - die Schönste, die ich bekommen konnte- aber erst eine kleine Einleitung - Vorgestern morgens saß ich gutgelaunt beim Schreiben der letzten Verse, als aus Stockholm ein Brief kam, mit 10 Reichstaler weniger, als  ich in meiner Torheit erwartet hatte, und das braucht man keinemandern anzukreiden , obwohl diese 10 Batzen für das  Mittagessen im April bestimmt waren - jetzt war ich pleite, bis auf einen Reichstaler und hatte nichts mehr in diesem Semester zu erwarten - Schöne Aussichten - Mein Zimmer war in letzter Zeit durch Tropfen von der Zimmerdecke beunruhigt worden, weshalb ich ein Tintenfaß an die Deckenleist habe hängen müssen - dann hatte ich Brennholz gekauft - welches nun durchweicht war, sodaß es ins Zimmer gebracht und auf dem Kachelofen trocknen muß, bevor es entzündet werden kann - Das Geld hatte zum Früstück und Abendessen nicht gereicht, weshalb diese in letzter Zeit eingestellt worden waren - darüber hatte ich nur gelacht - aber heute lachte ich nicht- das an zwei Nägeln hängende Tintenfaß war ein Witz - jetzt wünschte ich mich selbst an dessen Stelle - das hereingetragene Kiefernholz verbreitete früher angenehmen Waldduft in der Kammer - jetzt war er mir verhaßt - und außerdem keine Aussichten, am nächsten Tag ein Mittagessen zu bekommen, der Vers auf dem Papier vermischte sich mit langen Zifferkolonnen, aber es blieb doch nur 1 Reichstaler übrig - ich fühlte mich ganz deutlich turpiniert(10), wie man hier so schön ausdrückt - ich ging aus, Mittag zu essen - jeder Bissen wurde unter bittren Betrachtungen verzehrt - ich ging heim - beendete meine Arbeit- und ging dann sogleich hinauf zu Freund Arvid - da war auch Freund Axel(11)- ich las mein Stück vor - der letzte Vers war verklungen - nicht ein Wort! - ich fühlte mich unglücklich - nicht ein Wort - dann stand Arvid auf - flüsterte Axel etwas ins Ohr - dann fragte man mich, ob ich spazieren gehen wolle - ich stimmte zu - so kam man "zufälligerweise" an einem Lokal vorbei - man lud mich auf ein Glas - ich trat ein - wir setzten uns in eines der Nebenräume - allgemeine Stille - dann kam das Mädchen mit einer Flasche Champagner herein, ich erschauderte - wurde glücklich - hatte keine Worte für mein Staunen und Glück- denn ich verstand, was sie meinten -jetzt flog der Korken an die Decke - und jetzt wurden die Zungen gelöst - es war  ein schöner Augenblick - und jetzt können mich die Kritici hinrichten, was kümmert mich das - ich habe zu den Herzen von zwei Jünglingen gesprochen und sie haben mich verstanden - Schnell waren zahlreiche Becher geleert - da ergriff mich dieser göttliche Leichtsinn, der nur der Jugend eigen ist und seine Sorgen so leicht macht - ich bestellte eine Flasche Punsch - der letzte Reichstaler verschwand! - Es lebe der Leichtsinn! Morgen gibt es kein Mittagessen! Was macht das, wenn ich heute wie ein Gott lebe!  - als die Flasche geleert war, wurde ich ins Gästis geführt, wo man mich einlud, einen Abendimbiß einzunehmen!  Jetzt waren wir von den poesievollen Säften des feurigen Weines zu den tierischen Dämpfen des simplen Branntweines herabgesunken (u.s.w.). Wieder hinauf zum Olymp - Arvid bestellte Sherry - steigende Freude - mehr Champagner - die Uhr schlug zwölf - man wurde rausgeschmissen - und mit einer Punschflasche in der Tasche wanderte man heim zu Arvid - dort wurde die Festfreude fortgesetzt bis Axel still entschlief und er entkleidet und in Arvids Bett gelegt wurde -  Arvid setzte sich in seinen Schaukelstuhl und ich legte mich auf den Boden neben einem Punschglas - und es wurde Nacht an diesem Tage - Die Morgensonne und Vogelgesang erweckte uns - neben mir stand das Punschglas unberührt - es lebe die Freude - Danke für gestern - und das Glas bis zur Neige leeren, Prost! Und so ging man zur Sankt -Eriks - Quelle und nahm einen Aufmunterer - trank Kaffee im Novum(12) und trennte sich - ich ging heim und legte mich - schlief eine Weile und zur Mittagszeit, als ich erwachte, fühlte ich eine gewisse Leere im Magen - Kein Geld - Was soll man zum Mittag bekommen - da lachte ich erneut - denn ich hatte es sehr lustig am Vortage - nun ja - ich ging zum Ärmsten meiner  Kameraden, so mache ich es immer - er lag krank danieder, hatte seit vierzehn Tagen nicht ordentlich gegessen, das Zimmer war ungeheizt, nicht eine Öre zuhause und der Hunger förmlich "raste in seinen Eingeweiden", hinzu kam ein Unglückbruder - wir berieten uns - und so ging ein jeder in seine Richtung - ich ging heim, nahm einen Wäschesack mit Brennholz und stürzte zurück zu dem kranken Bruder - der andere Kamerad war umher gegangen und hatte einen Reichstaler  geliehen - so gingen wir zum Händler und kauften Eier, Butter, Käse und Bier - sowie Brot und nahmen einen Halbkarton Gefle Vapen(13) auf Kredit - und dann begann die Zubereitung der Mahlzeit - die Eier wurden auf einem Petroleumkocher gekocht - bald war das erledigt und man genoß einen "Duft", spaßte und tollte umher - es lebe die Jugend und der wahre Leichtsinn! Heute hatte man das gleiche Spiel wiederholt - in Erwartung "Bessrer Zeiten". Ich erwarte nämlich Hilfssendung von Axel(14), dem ich geschrieben habe - Es gibt etwas in diesem Uppsalaleben, das ich sehr mag - keinen Egoismus - brüderliche Teilnahme und wirkliche Freunschaft - keine Zimperlichkeit - hier geniert man sich nicht, mit Flaschen in der Tasche und Kuchenbrot in der Hand über die Straße zu gehen - aber was ist der Grund für dieses brüderliche Verhältnis? Doch wohl der Mangel an Familienleben - Ach, manchmal fühle ich wirklich Sehnsucht danach - denn ohne Frau ist der Mann doch nur ein halber Mensch - Am Sonntag, als ich zu meiner Speisestelle kam, warf ich zufällig einen halben Blick durch eine sich öffnende Tür - da drinnen saßen im Zimmer der Familienvater  und die Mutter mit den Kundern um den wohlgedeckten Tisch, die Sonne schien freundlich in diesem Raum hinein - alles sah so behaglich aus - da fühlte ich Leere in meiner Brust - ich vermißte die Familie - doch leider nicht meine Familie - sondern Familienleben überhaupt - genug von den Gefühlen! - Nun ist der Frühling wirklich angekommen, denn man hat die Fensterladen am Hofvet(15) und Rullan fortgenommen und ich habe heute Sommerhosen angelegt, doch nicht aus etwaigen frühlingshaftem Grund, sondern aus einigen noch natürlicheren -
                                                    Lebwohl
 
Der 20jährige
 
August Strindberg
Grüße alle - aber ich bitte Dich - zeige diesen Brief nicht allen möglichen Leuten - denn ich möchte nicht mißverstanden  und auch nicht bedauert werden - wenn jemand wirklich Mitleid  mit mir empfinden sollte! Hörst Du das! Schreibe bald, ob Du meinen vorigen Brief erhalten hast!
                                                                   Freund August! 
  

FUSSNOTEN
6:
Nykvarn = Bekannte schwedische Papiermühle, bekannt wegen hoher Qualität.

7:
Erik = Erik XIV, ältester Sohn von Gustav Wasa, König von Schweden, lebte 1533-1577. August Strindberg schrieb sein Drama "Erik XIV"  erst 1899 fertig.

8:
"In Rom" , Einakter über Thorvaldsen. Idee dazu bekam Strindberg im August 1869, als er Kopenhagen besuchte und dort Thorvaldsens Museum besuchte. Das er das Stück vollendete geschah auf Anraten von Gustav Eisen, der ihm auch Literatur dazu leihte. Siehe dazu auch "Sohn einer Magd".

9:
Runamitglied Arvid Wikström schrieb das Manuskript zu "In Rom" ins reine; sonst übernahm gewöhnlich Strindbergs Cousin Oscar diese Arbeit. Nach der Wiederaufnahme des Studium hatte August Strindberg  mit jungen enthusiastischen Freunden eine literarische altnordische Vereinigung , mit dem Namen Runa ,gegründet. Alle Mitglieder trugen altnordische Namen, Strindberg wurde "Frö" ,nach dem Fruchtbarheitsgott, genannt.Die anderen Mitglieder waren: Axel Jäderin, später (konservativer) Redakteur von SVENSKA DAGBLADET, der Ur  genannt wurde. Josepf Josephson, der späterhin Mitredakteur der NY ILLUSTRERAD TIDNING wurde, nannte man Thor oder Thurs.  C.O.Larsson, nachfolgend Pfarrar in  Ärentuna, nannte sich Os.  K.A. Wikström, später Typograph und Zeitungsmann, genannt Rejd. Eugen Fahlstedt , werdender Musikschriftsteller und Mitarbeiter am Lexikon NORDISK FAMILJEBOK, wurde Kaun genannt. Er sollte viele Jahre später einen Teil der Bücher, die Strindberg auf Französisch verfaßt hatte , ins Schwedische übersetzen. Rafael Lundgren, später Erster Aktuar in der Generalpostdirektion, er wurde Hagall  genannt. Ernst Nilsson, ein jung gestorbener Dichter, genannt Naud. Sowie Josef Link, Doktor der Philosophie und Schriftsteller, genannt Is. Der  Letztere war später berühmt für sein Buch über Lucidor.

10:
Turpiniert, möglicherweise ein Wortspiel mit dem lateinischen  turpis (schändlich, schimpflich) und dem schwedischen tur (Glück, Dusel) und pinad (gepeinigt).

11:
Arvid Wikström(1850-1923)  und Axel Jäderin (1850-1925) waren beide Mitglieder in Runa.

12:
Gästis, Novum, Hofvet (= Eklandahof) sind verschiedene Gasthäuser in Uppsala.
13:
Gefle Vapen = Pfeifentabak

14:
Axel = Strindbergs Bruder Axel Strindberg (1845-1927)

15:
siehe Fußnote Nr 12s


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