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[Zirka 22.Juli 1896]
Dach weilte. Meine Gedanken über Deine Kunst, damals, kanntest Du: Du warst der Meister in dieser Richtung, die nun zwanzig Jahre geherrscht hat und welche ich auch in der Literatur vertreten und für die ich in der Kunst plädiert habe. Aber so kam es: Dies ist vollendet; und was dann? Was mehr? Was dahinter? Du hast ja, wie ich, während dieser zwei Jahre, das dahinter gesucht und, wie man sagt, es gefunden. Deine letzten Salons haben, so sagt man, Deine neue Kunst gezeigt, und um diese will ich schreiben.(283) Habe ich etwas Böses über Deine ältere Kunst gesagt, so gilt das nicht Dir allein, sondern auch mir und allen andern Mittätern. Du darfst nichts Schlechtes über den Symbolismus sagen, da Du doch selbst mit einem Bein in ihm stehst und wo doch Chavannes,(284) zu dessen Partei Du gehörst, ihn so schön repräsentiert. Champ de Mars ist eine Partei gegen Champ Elysées; Ein Theâtre Libre, das Neues hervorlockt und dort bist Du schon zuhause...(285) Nun ich denke, Du setzt meine Ansichten über Kunst ziemlich tief und ich verlasse diesen Stoff ohne ihn zu vermissen. Was meinen Brief hervorbrachte, war etwas Schlimmeres. Lange habe ich von etwas reden gehört, das Okkultismus genannt wird, Studium aller der Phänomene, die man nicht leugnen konnte, aber auch nicht erklären. Vor einem Jahr nahm ich mich des Stoffes, vollkommen skeptisch, an. bemerkte doch bald am Anfang, in der Sache war etwas dran. Warf mich tiefer in den Stoff und als alles sich bestätigte, hörte ich auf Okkultist zu werden; was soll heißen: ich erhielt faktischen Beweis durch die Naturwissenschaften, daß die Seele die Hauptsache war, das Materielle nur eine zufällige Hülle, daß wir unsterblich waren, geschaffen, gesteuert nach einem gewissen Plan etc. alles alte bekannte Sachen. Um darüber nachzudenken, zog ich mich in die Einsamkeit zurück; und verlöetzte damit viele, die falsche Gerüchte in Umlauf setzten, welche sofort von allen, die gegen mich Groll hatten, benutzt wurden. Kürzlich: Neulich, eines schönen Tages im Juni, kamen die Schwester mit dem Schwager hierher, ohne ihre Ankunft vorher angekündigt zu haben. Sie schauten am Anfang etwas merkwürdig drein aber nach sechs Stunden Reden und Getränken, wurde ich beglückwünscht, daß - ich klug war! Und so reisten sie wieder ab! Aber die Urheber dieses neuen Irrenanstaltsattentates hatten es anders ausgerechnet, und nun begannen sie mit eignen Kabalen, um mich zu einem Wutausbruch zu bringen und damit eingesperrt. Ein Agent wurde in mein Hotel gesetzt und versuchte mit allen diesen Kleinschikanen mich zu einer Szene zu quälen; aber meine neue Philosophie oder Religion gibt mir die nötige Ruhe und ich entgehe allen Fallstricken. Doch als man schließlich meinen Nachtschlaf störte, fürchtete ich meinen Jähzorn, wurde nervös und flüchtete. Welche Interessen treiben diese Intriganten und wer sind sie? Schwer zu sagen, denn viele Interessen haben sich hier zusammengetan. Die Mächtigste ist sicher die Donaupartei, denn so wie diese meine Ehe unauflösbar zu sein schein, kann man mich als Erbe nicht loswerden, falls man nicht mich für unmündig erklären läßt, was nur über den Irrenhausweg geht. Sicher bin ich noch nicht, denn mit Geld kann man lang kommen. Jetzt habe ich resigniert, erwarte die Häscher und werde das als eine interessante Studie nehmen, eine Prüfung, ein Schicksal und nicht mehr fliehen, denn fliehe ich , sagt man, ich habe Verfolgungsmanie und setzt mich fest im Namen der Barmherzigkeit. Wenn Du also nun in der Zeitung siehst oder hörst, ich sei verrückt geworden, so sei überzeugt davon, daß ich klug bin. Und das mindestens ein paar Verbrechen verborgen werden sollen. Eine Sache, die mir nicht ganz klar ist, ob die Gretorsche Bilderfälschung hier eine Rolle spielt. Du erinnerst Dich doch, wie ich durch einen Zufall in seine Geheimnisse Einblick bekam (sein Rembrandt, seine Werkstatt in Passy etc). Als das Berliner Museum seinen Rembrandt kaufte und der Direktor den Abschied bekam, da sagte ich: Das ist Gretor, amer machte keine Anmeldung, denn ich hatte Anlaß, zu glauben, meine Frau wäre Komplize beim Kauf gewesen.(286) Als ich dann sah, wie das Museum in Pest mit einem falschen Rafael beglückt wurde und der Museumsdirektor verrückt wurde, auch dann schwieg ich. Als dann hier in Paris im Fühjahr ein Rubens herauskam, schwieg ich immer noch..............nun durchfuhr mich panischer Schreck, denn kommt die Sache ans Licht, werde ich festgenommen, da die Concierge in Passy bezeugen kann, daß ich für Herrn Gretor verkauft und gemalt habe. Man befürchtet wohl sowas und daß ich dann erzähle, was ich weiß! Es wird behauptet, Gretor besitze in diesem Augenblick eine Million, ohne daß jemand weiß, wo er es hat. Aber er hat einen Feind, der auf ihn lauert und der plötzlich zuschlagen kann. Die Situation ist wie Du siehst - - - Ystad, den 12.August 1896
glaubte, meine Briefe würden hier geöffnet.(287) Mit diesen gehe ich zu Fuß zur nächsten Station. Ein Wort: haben Sie irgend eine Ahnung, wie ich nach Ystad gekommen bin und warum? Welche Mächte mich hierher trieben? Hellseherisch fand ich das schließlich, denn das, was in meiner Seele passiert und außerhalb, wagte ich nicht aufs Papier zu bannen. morgen ist der Dreizehnte! Falls ich über diesen Tag komme, bitte ich Sie zu treffen. Setzen Sie mich in die möglichkeit den Platz zu wechseln, denn das ist notwendig! Ihr August Strindberg. Heute ist der 14. August. Die Nacht war unruhig, aber sie ging vorüber. - Eine Totenstille, Überdruß, der alle Initiative lähmt, schießt sich um mich. Ich bin hier, ohne zu wissen, wie ich hierher gekommen bin und frage mich: was soll ich hier machen? Alles ist mir fremd. Den Büchern und Kleidern beraubt, mit den Wurzeln herausgezogen, verdorre ich, schlafe ich ein. Alles, was ich sage, wird als Verrücktheit niedergeschlagen; ich höre auf zu sprechen! Und vor drei Wochen war ich gesund, lebenslustig,hoffnungsvoll. Was ist geschehen? Ich will über das Alles ein Buch schreiben, um mich von allem zu befreien, aber hier kann ich das nicht, denn ich weiß nicht, wo ich bin! Ich würde meine Korrespondenz mit Ihnen fortsetzen, aber wage es nicht. Schreiben Sie an mir! Und sagen Sie Ihre Meinung, über das, was geschen ist! Ich habe in der letzten INITIATION(288) einen Aufsatz über das Ausstrahlungs- und die Ausstreckungsmöglichkeit der Seele abgedruckt und vielleicht mehr gesagt als ich davon wußte. Ystad, 18.August
1896
eingetreten zu sein, ohne daß ich beschreiben kann, inwiefern oder warum. Gestern empfing ich nämlich einen Brief, der da gechrieben worden war und wurde dadurch zum Leben zurück gerufen.(289) Aber damit mußte ich von der Wissenschaft Abschied nehmen - für eine Weile. Ich wurde wie ein Schiffsbrüchiger an diese Küste unter dem Großen Bären geschleudert, ohne zu wissen, wie ich hierher kam und nun sitze ich und frage: wie kam ich hierher? Was soll ich hier tun? Nun also Ihren Brief! Doch, ich vertraute auf die Macht, die mein Schicksal gesteuert, vertraute bis ins letzte, aber ich glaubte, er war böse auf mich und hatte das Bestrafungswerkzeug losgelassen und dieser Glaube ließ mich resignieren, mit Furcht und Zähneklappern. Von der letzten Krise, die ich durchlitten, habe ich Ihnen nicht berichtet, werde es aber in einem Buch - Roman, wenn Sie es so nennen wollen. Glaube, wir stehen näher zueinander nun als früher - aber - aber ... Glaubte, ich werde bestraft, entweder weil ich im Verborgenen forschte, aber das hat die Wissenschaft immer getan, wenn auch nicht immer ungestraft; oder weil ich versuchte mich den "Unbelohnten Anstrengungen" des Lebens zu entziehen und weil ich mich der Bindungen, die mich an die Menschen und den festen Boden fesselten, zu befreien versuchte; fesselten! - Ha! Ich war oft während meiner Untersuchungen auf die Hand gestoßen, die meine Papiere durcheinander warf, meine Lösungen trübte, und einmal sah ich ein grinsendes Gesicht auf einem Kohlestück im Reagenzglas, mir narrend die Zunge entgegenstreckend. Aber ich begann den Versuch von Anfang an und sagte zu mir: das ist der Feind, der überwunden werden muß. Ich verlasse deshalb, auf Probe, die Naturwissenschaften, aber als Erinnerung bitte ich Sie, diese drei Blätter,(290) die ich sende, in 100 Exemplaren zu drucken, damit ich nicht in 100 Briefen dieselbe Sache schreiben muß, bei Anfragen und weil ich einen Beweis dafür haben will, daß ich nicht verrückt war, als ich glaubte, ich mache Gold. Schreiben Sie mir wenn Sie Zeit haben, denn ich habe Recht dazu, mißtrauisch zu sein, und Grund genug Ystad, d.19.August 1896
empfangen. Selbst Bettler kann ich nicht für Euch betteln, und meine Arbeit wird nicht bezahlt. Daß Ihr an Snoilsky geschrieben habt, bevor ich Tod bin,(291) fand ich etwas übereilt, aber wenn man notleidend ist, wird vieles entschuldbar. Zum vorigen Brief habe ich im Augenblick nichts hinzuzufügen und das kann kaum mißverstanden werden. Versteckt diesen Brief und benutzt ihn, wenn es an der Zeit ist. auf mich, sondern versucht - etwas selbst zu machen! Ich bin sehr krank gewesen, aber bin nun besser. Lebt wohl! Briefe erreichen mich über Ystad. Passiert mir etwas Gutes, so werdet Ihr von mir hören. Ystad d. 20.August
1896
Ihr gestriger Brief(292) hat sich offenbar mit meinem von Vorgestern gekreuzt und ist also in der Hauptsache beantwortet, außer daß meine ganze Korrespondenz mit Ihnen eine Antwort ausmacht. Egos, daß ich meine Arbeit versäumt und mich dieser entzogen hatte, daß ich Bindungen zerrissen habe, die nicht gebrochen werden durften, und daß mein erster Schritt zur Aussöhnung mit dem Leben und den Mächten, die Wiederaufnahme des Jochs wäre, Arbeiten fürs Brot, und zu versuchen, es für die zu erwerben, die ich zur Welt gebracht habe und die in Not sich befinden. Jetzt sich in einen organisierten Kampf zu werfen, wo ich gerade verletzt aus einem Gefecht, so heftig, wie ich es nicht vorher erlebt habe, getragen worden bin, dazu mangelt es an Kraft - noch. Sie überschätzen mich, wenn Sie mich als Prophet haben wollen. Ich habe keine Berufung, aber habe manchmal das Gefühl, ein Prediger in der Wüste zu sein, dessen meiste Worte in den trocknen Sand fallen und der mit dem Kopf auf dem Silberteller enden wird. Außerdem meinen Sie, mein bisheriges Leben eignet sich dazu, einen Strafprediger und Sittenlehrer hervorzubringen? Ich nicht! Mögen Kreuzzüge über die Welt gehen, ich werde mithelfen, aber auf dem kleinen Gebiet, wo ich zuhause bin, und ich will die Flaggen im vollen Sonnenschein ausgewickelt sehen, bevor ich jemanden beschwöre. Sie kennen nicht meine letzte Entwicklung; Sie wissen nicht, daß ich eines Tages keinen Trost mehr in Jobs Buch fand, denn mir kam die Erleuchtung, ich sei kein Job; kein rechtfertiger Mann, der geprüft werden sollte, sondern ich war ein Räuber, der ans Kreuz geraten ist, weil seine Taten es verdienten und bestraft werden sollten. Sie glauben, ich habe meine Selbstsüchtigkeit beibehalten - und ich sage Ihnen: Das ist nicht so. Doch ich muß anfangen zu geben, vielleicht meine Person denen opfern, die von der Natur mir zum Leben gegeben worden sind. Und ich muß eine Möglichkeit finden, so wie Sie es tun, meine Person zu teilen, in einen nüchternen, ordentlichen Arbeiter und daneben, wenn die Ressourcen ausreichen, einen schweigenden, esoterischen Übermenschen, der am Rande des Feldes wächst. Ich bitte Sie, gerade weil ich Nahrung aus Ihrer Hand genommen und weil ich von Ihnen Ermunterung in der Anstrengung erfahren habe, Ihr erzieherischer Unwille in der Stunde des Übermutes, brachte mich dazu meine zerlumpten Reste der Seele und des Körpers zusammen zu suchen; ließ mich zuerst den Kreuzzug gegen mein altes Ich aufnehmen, dann werde ich der Fahne folgen, vorausgesetzt sie ist weiß. Wird sie geführt von einer Jeanne d'Arc, hierher gesandt, um die Männer zu beschämen, für deren Verfall oder um deren Ambition zu wecken, das soll mich nicht hindern, - aber das glauben Sie nicht. Übrigens, rein praktisch! Die Gnadenzeit ist ja zuende; die Landstraße steht dem Bettler nicht mehr offen, und mit dem letzten Gold gehe an die Arbeit - für das Brot! Wenn es nun das letzte Mal ist, sage ich Ihnen meinen Dank, daß Sie mir ein großes Stück auf meinem Weg in meiner Entwicklung geholfen haben. Mein Gefühl sagt mir, wir sollten einander nun nicht sehen(293) - wir haben das Beste unserer Personen gegeben, und das Schlechtere oder Geringere verstecken wir für uns selbst oder für die Geringeren. den "Faluprozessen" drucken, bitte ich Sie das Manuskript zurück zu senden! Glauben Sie nicht die Korrespondenz werde jetzt abgebrochen! Ystad
22.August 1896
Du gibst mir deine Hand,(294)
und ich drücke Sie als Zeichen von Versöhnung und
Ystad d. 23.August
1896
Ich muss unter allen Umständen nach Süden
und Gebirgen; ich muss mit Madame
Ystad: 23. August
1896
Verzeihen Sie diesen Brief, aber ich mußte
ihn schreiben.
wenn es sich isoliert. Die Rettung durch: Arbeit ohne Ehre oder Gold, die Pflicht, die Familie, also - die Frau - die Mutter und das Kind! Resignation durch die Entdeckung, daß jedem sein Platz durch die Vorsehung gegeben worden ist. Reflektieren! Aber heimlich halten! 8.Sept. 1896
Theater in München mit meinem Stück "Fordringegare"(Der Gläubiger) eröffnen wird. Das ändert etwas die Situation und auch zu meinem Vorteil. Ich bitte Dich deshalb, sei so gut und sende als Frachtgut, unbezahlt, zuerst die kleine Kiste, die ich zurückließ, mit dem Chemiemanuskripten und lege dazu das Französische Lexikon.(297) Sollte einige andre Kisten von Paris eingetroffen sein, mögen sie nachfolgen. So übersende ich Dir hiermit "Die Goldsynthese",(298) um sie Bekannten und Unbekannten zu präsentieren. In der Sorbonne disputierte ein Doktor neulich über den Alchemisten Arnaud de Villeneuve, und seine Abhandlung wurde in der L'INITIATION besprochen, wo man meine Goldmacherei gemocht hatte, und wo ausgeführt wurde, daß es durch Dr med. Encausse, ehemaliger Chef de laboratoire an la Charité, probiert und wiederholt worden ist.(299) Und er behauptet, ich arbeite nach den Prinzipien der Alchemie. So, dann ist die Gefahr Gold zu machen nicht mehr so groß - in Nicht- Schweden. Nordenskiöld ist still! Hier fand ich, außer Bibliothek und Laboratorium ungefähr 1.000 Seiten Naturwissenschaft, meist Chemie im Manuskript. Denke Dir, Scylla zu treffen wenn ich gerade Charybdis geflohen bin! Und in Paris liegen 700 Seiten -, in Ystad 700 = Summa Summarum 2.400. In meinen Manuskripten hier habe ich Entdeckungen gemacht - Spuren wiedergefunden, die mir neue Klarheiten und Bekräftigungen. Aber immer noch weiß ich nicht, was das Atomgewicht bedeutet. 8.September 1896.
Auch dieses Mal will das Schicksal nicht, daß
wir einander treffen, verboten aus
d. 11.September 1896
"A coeurs vaillants rien d'impossible!"(302)
[Zirka 20.September 1896]
So bin ich wieder in diese verwünschte
Geschäftskorrespondenz(309)
verwickelt und
21.September 1896
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