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 6.WIEDER EINSAM. INFERNO.
 
 
 
 
 
An Richard Dehmel schrieb Strindberg folgenen Brief auf Deutsch.
Brief Nummer 68
   23.August 1893
 Lieber Wilde Mann, 
Da Du so liebenswürdig Dich angeboten als der Ehrliche Makler zwischen mir und  Carl Ritter(203) aufzutreten, so ist der Augenblick jetzt da. Blochs Erben haben nämlich  mir ein Vorschuss von 1000 Mark verweigert auf zwei Abendfüllende Stücke: 
 "Schlüssel des Himmelreichs" 
    5 Akten, Märchenspiel 
 "Fischerleben" 4 Akten, Volkskomödie 
Als Vorwand sagen sie daß sie prinzipiell nur den Vorschuss geben wenn sie ein  Vertrag  mit einem Berliner-Theater  unterzeichnet haben. 
Man glaubt doch zu wissen, daß er z.B. dem kleinen Gunnar Heiberg (204)  500Mk für  eine nicht angenommene Komoedie in Vorschuss gegeben. 
Meine Stellung ist infolge  vier Monate von Konfusionen unglaublich schwach,  obschon die Aussichten glänzend in einer Zukunft die ich nicht im Stande bin zu  erreichen. 
Willst Du ein gutes Wort  für mich bei dem Strengen Herrn fallen lassen und sein  Gehirn  in einen mir günstigen Molekularbewegung versetzen? 
Berlin-Albrechtstasse 9a         Dein August Strindberg
Pensionat v.d.Werra
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Die Grüne Insel
(gemalt 1894 in Dornach, Östereich)
 

An Birger Mörner
 
Brief Nummer 69
   Paris, 12. Mai 1895
 Lieber Mörner,
                Danke für den Brief! 
Ein furchtbarer Winter in Krankheit, Not, Einsamkeit und viel Arbeit, oft fruchtbar, oft nicht. Gestern beendete ich eine Arbeit im Laboratorium der Sorbonne und gestern entdeckte ich die Formel des Jods, sowie die Methode es aus den Derivaten des Steinkohleteers zu fabrizieren. Ich verwahre die Manchette, auf dessen Stärkung ich die Reaktion festhielt, so entscheidend. 
Wenn ich Geschäftsmann wäre, würde ich Patent suchen, aber das mach ich nicht, sondern schreibe einen Artikel in LA SCIENCE FRANCAISE, wo ich Mitarbeiter bin und Lehrjungen habe.(205) So hier sieht das Jod innen aus, welches bis heute als ein "Element" angesehen wurde.  
C6H4O2 + H2O  oder C6H6O3 = C6H6 oder C6H4(OH). (Verberge diesen Brief ! darum) 
Diese Entdeckung begann ich vor 5 Jahren mir zu erriechen, errechnete es dann und habe nun die Synthese und Analyse gemacht, die mit der Jodformel übereinstimmt, die ich im "Antibarbarus"(206) gegeben hatte. 
Ich glaube, dies wird meine Zukunft schneller machen als ich geahnt. Aber deshalb, Jungs, habt ihr ein Stipendium(207) klar, so laßt es mir jetzt zukommen, morgen, denn ich sitze fest in Schulden, kann mich nicht aus Paris rühren, habe nur ein paar Hosen mit Loch im Knie, so daß ich den Hut darüber halten mußte, als  ich oben in der Legation war. 
Den Jodartikel schreibe ich diese Woche fertig und dann wollte ich aus der Stadt heraus, denn hier ist die Hitze so, daß ich nicht arbeiten kann, nicht essen und noch weniger trinken und das Bett brennt. 
Ich bin nicht undankbar, aber ich finde, ich verdiene zu leben. Möchte doch gerne heim nach Schweden, aber weiß nicht, ob ich verheiratet bin oder geschieden(Die Ehe ist ungültig in Östereich und ich bin dort ein Bigamist!). 
Erwarte Benachrichtigungen. 
Muß abwarten, wohin mich das Schicksal nächstens hinwirft. Müde bin ich des Umherwerfens, mit meinen Sachen zerstreut über halb Europa und einquartiert in Hotels hier und da. 
Grüße Öhrwall(208) und sage, daß das mit Helium und Argon eigentlich nur Quatsch(209) ist . Oder grüße lieber nicht. Ö. ist nicht so skeptisch, er glaubt blind an den alten Sauerteig. 
 Lebwohl so lange
  Freundlichst
  August Strindberg
12 rue de la Grande Chaumiere
     Paris (Montparnasse)
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An Hermann Schlittgen (Im Original Deutsch)
Brief Nummer 70
   Paris d, 26.Mai 1897(210)
 Geehrter Herr Schlittgen,(211) 
Sie waren früher der Kunstrichtung Edvard Munchs nicht ungeneigt. Deswegen  erlaube ich mir Ihnen zu fragen ob Sie es jetzt Gelegenheit wäre eine  Specialausstellung von  Gauguin, den Meister dieser Richtung, und zwar in  München, weil die Herren von Champs de Mars(212) ihren Gauguin nicht in Berlin  vertreten lassen wollten. (Verstehen Sie meinen schlechten Deutsch?) Ich habe die  Absicht durch München zu passieren, vielleicht  Ende dieser Woche. Wenn Aussicht  für Gauguin-Ausstellung dies Früjahr ist, kommt Gauguin mit mir um die Sache zu 
arrangieren.(213) 
Bitte ich Sie deswegen freundlichst einige vorleufige Worte zu senden und danke ich herzlichst voraus.(214)
   August Strindberg
12 rue de la Grande Chaumiere
                   (Montparnasse)
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FRIDA UHL 1892
 
 
An Frida Uhl.
(Im Original Deutsch)
Brief Nummer 71
   [Um den 1.Juni 1895]
 Liebes Schaf,
Zuerst schreibst Du mir eine Liebeserklärung in bester Ordnung, sprichst sogar über meine nichtexistirende Schönheit die nur deine schöne Augen  sehen können, erzählst dass wir für einander geschaffen sind etc. Und so sendest Du deine Advokatenteufel um mich zu drohen!(215) 
Das ist Frida Schafberg so ähnlich wie Alles Anderes! Und so fragst Du ob ich vergessen kann? Das fragst Du, und hast selbst vergessen, wie gut ich früher vergass. Aber vergiss nicht, das was man in Liebe vergisst, das erinnert das Hass so genau so genau! Und so fragst Du ob ich glaube dass ein Zusammenleben noch möglich sei. 
Darauf kann ich nur antworten: Sehen wir uns!  Und finden wir dass eine 
unwiederstehlich Wiederwillen uns gefasst, gut, so gehen wir von einander! Nit? 
Aber Schaf soll nicht mit dem Fuchs spielen. Er beisst eines schönen Tages! weil der Löwe hat ihn schon gebissen. Hiermit meine Hand, die Hand die ich Dir einmal auf Helgoland gab. Sie ist schwarz aus Arbeit, aber ist rein, und zum heiligen Gelübden gehoben, die ich noch nicht gebrochen. 
Spiel nicht mit dem Glück, Kind! Denn Liebe ist ein Glück, das das ganze 
schmutzige Leben vergoldet! Und gutes Gewissen ist auch schön! 
Findest nicht alle Tage den Du lieb haben kannst und den der Dich liebst zurück, so wie ich! 
Ist es gut, so! Ist es genug gelitten, gestritten und geweint? 
O, diesen schwarzen Winter! Ist Sie vorüber! Ja, ich fühle es so. Und jetzt habe ich Dich und Kind mit Arbeit und Mühe verdient. Nicht!? 
Ich habe Erfolg mit meinem Jod gehabt, und die Zukunft scheint unser zu sein.(216) 
   August.
 
  
Wahrscheinlich mit der gleichen Post schickte er auch folgenden Brief an den Rechtsanwalt der Frida Uhl. 
Brief Nummer 72
   [ Um den 1.Juni 1895]
 Herr Rechtsanwalt,
Jetzt scheint der Augenblick gekommen, die Komödie zu enden, die Ihre Klientin Sie spielen lässt. Sie verlangt die Scheidung, und ich verweigere sie ihr nicht. Sie kündigt mir ihren Besuch in meinem Pariser Heim an. Sie ladet mich ein, das Kind  zu besuchen, das bei ihr lebt. Kaum treffe ich Vorkehrungen zur Fahrt, versetzt sie mir einen Advokatenbrief, der mit der Scheidung  droht. Ich staune nur, dass diese Scheidung nach viermonatlicher Bemühung noch nicht erfolgt ist. Und noch erstaunter war ich ganz kürzlich, in einem Brief ihrer Frau Klientin zu lesen - (während sie Prozess führen) - "dass sie und ich für einander geschaffen sind, ets" Kurzum, ein Brief, der genau das Gegenteil von dem besagt, was sie Ihnen schreibt. 
Verzeihen Sie daher, wenn ich mich nicht länger  mit diesem Briefwechsel  befassen kann, der mir eher für eheliche Intimität als für die Öffentlichkeit  zu passen scheint, und wenn ich mir gestatte, meinem Gewissen und gesunden Menschenverstand zu folgen. 
Genehmigen Sie, geehrter Herr, den Ausdruck meiner vorzüglichen Hochachtung. 
   August Strindberg
 
Frida Uhl betrieb nun, wahrscheinlich auf Druck ihres Elternhauses, die 
Durchführung der der Scheidung, weil die Presse darüber berichtete, daß Strindberg die Einnahmen einer eventuellen Vorstellung des DEUTSCHEN THEATERS seiner Tochter Kerstin zufallen solle. Frida Uhl berichtet in ihrem Buch über die Reaktion in ihrer Familie: ...die Gelder, die ihm aus Berlin zuflössen, sollten unserer Tochter 
zukommen ---meines Vaters Indignation war unbeschreiblich, daß ihm diese Schande angetan werden sollte, ihm, der gerade mit Prunk und Ehre am 14. Mai seinen siebzigsten Geburtstag gefeiert hatte --- Ich mußte an Fuchs schreiben, daß er die Scheidung  zuende führt.(217) 
Das wirkliche Motiv lag wohl mehr im Intresse, das Frida Uhl gegenüber Frank Wedekind zeigte, begründet, mit dem sie bereits nun ein Verhältnis eingeleitet hatte. Jetzt wollte Strindberg weg von allen Problemen, weg von allen verfolgenden Gläubigern und Geldeintreibern, weg von der drohenden Scheidung,  flüchten, heim nach Schweden, möglichst aufs Land, in die Nähe des Meeres, auf eine Insel der Schären. Diese Stimmung äussert sich in einem Brief an seinen Freund dem Arzt 
Anders Eliasson. 
Brief Nummer 73
   Der 1.Juni 1895
 Eliasson,
Jetzt! habe ich meine Arbeit beendet, auf die ich Dich zu warten bat(218)   und jetzt danke ich im Voraus, falls Du mich für ein paar Monate  heimholst zum ausruhen, denn ich bin krank vor Überanstrengung und Jod und Schwefel. Ich habe nämlich in den Chemischen Laboratorium der Sorbonne gearbeitet und vor den Alten  das Experiment  mit dem Herstellen des Kohleschwefels, wobei ich vollen Beweis dafür bekam, daß der Schwefel ein CHO ist. Daraufhin  habe ich diesen Aufsatz in LE TEMPS(219) verfaßt, der viele Anhänger gewonnen hat und 
Widersacher natürlich auch. Und am Montag soll von einem Fachmann, Würtz, geprüft werden, ob die Produktion von Jod aus den Derivaten des Steinkohlenteers sich für die Industrie lohnen kann. Diese Seite der Sache interessiert mich nicht, und deshalb will ich fort, um in Ruhe das Resultat meiner Entdeckung abzuwarten, denn es ist eine Entdeckung. 
Aber lieber Eliasson, während ich meine Öfen geheizt, habe ich meine Schiffe verbrannt und ich komme nicht weg von hier unter 300 Kronen, und muß trotzdem heraus vor dem 7., um die Bezahlung für einen neuen Monat  zu vermeiden, wozu außerdem der Weg über Lübeck zu nehmen ist, damit ich nicht wegen eventueller Quarantäne in Dänemark festsitze. 
Also, wenn Dein Herz nicht verhärtet und Deine Hand nicht geschlossen ist: hier 
bin ich, auf Deinen Wunsch!
   Der Freund
                 August Strindberg
12 rue de la Grande Chaumiere, Montparnasse,
Paris
Ich will nicht im Hotel wohnen, nur in Deiner Hütte, einsam, und sonst incognito!
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An Mathilde Prager.
Brief Nummer 74
   22.Juli 1895
 Hochgeehrte Frau,
Auf langen Umwegen traf Ihr Brief mich erst heute. Ich habe nämlich eine Reise nach Schweden gemacht und bin nun wieder in Frankreich, Adresse:
 Palaiseau
 (Seine et Oise)
Was nun erst die Chemie betrifft, so bin ich teils im Begriff ein Patent zur 
Herstellung des Broms aus Materialien, die nicht Brom enthalten, anzumelden, nicht um Geschäfte zu machen mit einer Erfindung, sondern um unnötige Diskussionen abzuschneiden. 
Was ich zur Zeit in Druck habe: "Introduction à une Chimie Unitaire", wobei ich glaube, am Besten wäre, 14 Tage zu warten, bis ich eine Broschüre schicken kann, die alles sagt, was ich zu sagen habe. 
Was nun die Zeitschrift von H.Bahr(220) betrifft, habe ich nichts dagegen, falls Sie etwas vom Übersetzten einliefern. Nun selbst etwas zu schreiben, kann ich nicht, denn ich bin voll in der Chemie. 
Es macht Freude, daß endlich Schottlænders mit dem Küster(221) , denn ich glaubte mich schon im ganzen Deutschen Reich boykottiert. 
Ich bitte Sie also wegen der Chemie weitere Mitteilungen abzuwarten. 
  Mit vorzüglicher Hochachtung
         August Strindberg
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An Anders Eliasson
Brief Nummer 75
   [25.Juli 1895]
 Lieber Elias, 
Wie dem Zeitungsexemplar(222) entnehmen kannst, bin ich schon in Arbeit und Streit. Die Geister stoßen zusammen und vielleicht auch die Körper. So sagt man! 
Darf ich Dich bitten, die Ausgabe an F.U.Wrangel, K[önigliche] Bibliothek Sthlm zu schicken. Das Manuskript müßte in einen Weihnachtskalender passen (?) 
Sonst ist es schrecklich heiß und arbeitsam. 
Mit Grüßen an Fräulein E., Kersti, Gustaf und andere Freunde(223) 
   von Tuus 
   August Strindberg
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An Karin Strindberg.
Brief Nummer 76
   [ 28.Juli 1895]
Meine Adresse ist wieder Paris:
12 rue de la Grande Chaimière (Montparnasse)
Ich bin nun von Stockholm unterrichtet worden, daß zwischen 5 und 600 Mark, Finnische, die die ersten Tage im August direkt an euch abgehen. 
Schreibe nun in Französisschen Zeitungen und bin hierher gekommen, meine Einleitung zur Chemie zu drucken. Sowie Patent für die Herstellung von Brom nach einer neuen Methode anzumelden. 
Grüße an die Geschwister. Bitte Hans, nicht die Geduld zu verlieren, es ging mir  in der Schule auch immer so: ich blieb in den Klassen sitzen, obwohl ich mehr konnte als die andern! Und so ist es immer noch! 
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An Torsten Hedlund
Brief Nummer 77
   Paris 10. Nov.1895
 Werter Herr Hedlund,
Doch, Sie sollen mir schreiben, denn ich muß Kontakt  mit einem Menschen haben, der erstrebt, was ich erstrebte in meiner Jugend, ich muß daran erinnert werden, daß es Menschen gibt, die meiner Arbeit wohlwollend folgen. Die Art, wie man mir zuhause begegnet ist, begann mich zu demoralisieren. Eine ständige Ablehnung, grundsätzlicher Widerstand, so wenn ich weiß sagte, sagten die anderen schwarz 
und umgekehrt, Kritteleien, die in Proportion mit dem Wachsen meines Talents und Kenntnisse zunahmen, bei mir Haß hervorbrachten, den man nur mit meiner grenzenlosen Verachtung vergleichen konnte. Dessen ungeachtet sehne ich mich oft zu meiner Natur, wo mir manchmal große Gedanken kamen, aber ich darf nicht zuhause sein , denn das Vergangene zieht mich hinab. Ich versuchte es im Sommer, 
aber mißglückte! 
Auf der anderen Seite, in diesem Babylon, wo der Lärm stört, wo Eitelkeit und Kleinigkeiten, sogar Niedertracht sich nach vorn drängen, ist es sehr schwer, sich nicht zu verlieren, wird man zu Streitigkeiten  um Nichtigkeiten verlockt, und ich frage oft: Warum machen Sie nicht das Kloster? welches alle Weltmüden suchen, Zuflucht mit Einsamkeit in Gemeinschaft, wo man mit einer strengen Ordnung, Askese, Symbolen den Geist freihalten kann von den Einflüssen des Alltagslebens. Ich habe seit langem an eine solche Stiftung gedacht, aufrechtgehalten von mässiger Arbeit, und - warum nicht - Bettelei, sanktioniert von den Regierungen, zur Beachtung für den, der das Ordensgewand trägt und es verdient hat. Es würde kaum zu umfassenden Mißbrauch kommen, da die 
Demütigung so viel größer ist, als das Behagen. An den Eremitenstand  habe ich auch gedacht, aber damit folgen Versuchungen, vor denen keine Wüste einen Antonius schützen konnte. 
  
Ich will aus einem Milieu, wohin mich die Isolierung, Verfolgung und Not getrieben hat, aber ich weiß nicht, wohin? Ich habe an ein katholisches Kloster gedacht, aber daraus folgen Bekenntnis und ein Gehorsam, den ich hasse. Diese Reflexionen, während ich mich züchtige für meine künftige Arbeit, für welche  ich mich bisher, kurz gesagt, unwürdig  gefühlt habe, besonders nach unserem letzten 
Gedankenaustausch und Ihren großen Erwartungen. 
Die Arbeit ist so groß im Umfang und Ausdehnung, daß sie mir über den Kopf  gewachsen ist, daß ich sie nicht mehr zusammenhalten kann, daß ich in meinen eigenen Notizen Forschungen unternehme, sogar Entdeckungen mache, und wenn ich einige Stunden in den Papieren gewühlt habe, bin ich geschlagen und muß mich aufs Bett werfen. Dazu ist  die Hälfte mir von bösen Menschen geraubt worden, dazu meine Bücher und Instrumente. Neulich sagte ich Ihnen, daß ich Kapitel fertig 
habe. Ich habe sie noch einmal gelesen. Sie sind in einem knappen, ungepflegten übermütigen Stil gehalten, wie man ihn bekommt, wenn man Entdeckungen macht. 
Ich will, daß Sie sie läsen, aber als etwas Allgemeinverständliches. Vielleicht ist es meine Aufgabe den äußeren oberflächlichen Weg zu gehn, fortzusetzen mit der Aufgabe des Gladiators(224) - es sollen doch Vorkämpfer, enfants perdus sein, die vor der Fahne gehen sollen, geschaffen, um erschossen zu werden. 
Es ist Abend und ich bin müde von der Arbeit des Tages; deshalb ist mein Brief unzusammenhängend. Auch meine Seele ist disharmonisch. hiermit einige Vorschläge, von denen ich nicht weiß, ob sie meine innersten Wünsche sind: 
Haben Sie einen "Freund" in Paris. Lassen ihn in diesem Falle herkommen und lesen. Wenn ich Ihnen das Manuskript schicke, bekomme ich nachts keine Ruhe mehr. 
Sollte ich kopieren lassen und schicken? Aber das ist nicht das, was Sie lesen sollten! Sollte ich nach Fredrikshamn  reisen? Dort treffen oder incognito in Göteborg, außerhalb. Ich habe  in Göteborg so viele gute Freunde, die ich nicht sehen könnte, ohne in alte Stimmungen zu fallen? 

Ich habe Angst zu reisen, denn meine Seele wird mißhandelt durch Kontakte mit  anderen. Und der Schmutz, der körperliche erniedrigt mich. Meine Ohren müssen hören und meine Augen sehen , was ich nicht will. 
Hier habe ich mich mehr zurückgezogen eingerichtet, als man glauben könnte. Vor  6 uhr nachmittags sieht mich niemand. Meine frühe Morgenpromenade mache ich einsam auf dem Friedhof Montparnasse oder im Luxemburggarten. Frühstück habe ich auf dem Zimmer - Am Abend gehe ich zu einer ruhigen Familie(225) zum Essen, und um 9 Uhr bin ich wieder zuhause. Lese keinerlei Zeitung, schaue auf keine Plakate, gehe niemals ins Theater und erlaube kein weiteres Aufführen der 
Stücke. ich bin dreimal gespielt worden und habe nie ein Stück gesehen, nicht mal das Theater. 
Mache alles, um Kontakt zu vermeiden und Paris sehe ich jeden zweiten Monat. 
  
Es muß eine schrecklich elende Zeit sein, die wir durchleben. Die alten Positivisten, die ermüdeten, sagten zur Jugend: "Das Universum hat keine Geheimnisse mehr. Wir haben alle Rätsel gelöst."Und die Jugend glaubte und wurde mutlos und verzweifelte. 
Was die Theosophie angeht, verhalte ich mich abwartend. Sie soll ja vom 
Buddhismus derivieren und ich bin von drei Buddhisten erzogen worden:  Schopenhauer, v.Hartmann(226) und zuletzt Nietzsche. Vielleicht weil wir Berührungspunkte haben. Die völlige Dominanz der Madame Blawatski(227) über die Sache und Niedergang derselben, machte dieselbige mir verdächtig. Als Buddhist bin ich, wie Buddha und seine drei großen Lehrjungen, Frauenhasser, wie ich die Erde hasse, weil sie meinen Geist bindet, und weil ich sie liebe. Die Frau ist für mich die Erde und alle ihre Herrlichkeiten, das Band das bindet; und alles 
Schlechte vom Schlechtesten, was ich gesehen habe, ist Weibsgeschlecht. Das Hinderniß, der Haß, die niedrige Spekulation, die Rohheit, vor allem, der unmenschliche Haß gegen einen Geist, der wachsen, sich erheben will. Die instinktive Schurkenhaftigkeit(228) , wie Meister Schopenhauer sagt. - Liebe einen Mann = erniedrige einen Mann, vor sich selbst, und erhöhe  ihn vor der Welt gerade soviel, wie sie für ihre eigene Eitelkeit braucht. Der instinktive Diebstahl: es ist sie, die dumme, boshafte, die ihn gemacht hat, wenn er, trotz allem, etwas geworden ist! Was konnte sie geben, die nichts hatte! Er nahm, wo nichts war, denn 
er schaffte aus dem Nichts. 
Das sind süße Täuschungen, mein Gott, allzu süße. Aber  werde ich nie lernen, mein Fleisch zu töten. Noch ist es zu heiß und brennend, da muß es eben verbrennen! Und wird es auch! Aber der Geist! wird dabei vielleicht untergehen! 
Ist alles eins, so ist das Fleisch auch berechtigt! Nein, antworte ich selbst; und so geht das ganze Lehrgebäude unter! 
  
Niemals komme ich da heraus! - Das Junggesellenleben ist mir teils schmutzig. Das Familienleben das schönste - aber !! aber! noch schmutziger, wenn man darin herumrührt! Darüberhinaus - absolute Erniedrigung und da trifft man das Tier. 
  
 Ich wende mich wieder meinem Buch zu! Obwohl es ist kein Buch, es ist ein Leben! 
- ich möchte meine Seele trainieren, mich sammeln, mich reinigen bevor ich an die Arbeit geh. 
Eigentümlich!  Tintenfaß und Federhalter sind nicht eingetroffen. Ein 
Schenkungsbrief , von einer Kooperation in Barcelona suchte mich in ganz Europa und fand mich schließlich in Paris. Es annoncierte die Ankunft des Geschenks, die der Goldschmied am 12.Oktober abliefern sollte. Ich  antwortete und gab meine Adresse, vielleicht etwas erregt vom ungewöhnlichen Anlaß. Keine Antwort!  Seit 14 Tagen! -  Der Schenkungsbrief schien aufrichtig: Angab eine künstlerische, 
symbolische Arbeit mit einem Motto, welches ungenannt war. Ein älterer Mann hatte den Brief schreiben lassen, aber mit zittriger Hand selbst unterschrieben. Er war Präsident der Kooperation und nannte sich Daniel Grant! 
Diese Stille hat mir zu Denken gegeben. 
Aus alldem sehen Sie, daß ich in Gärung bin und keinen Entschluß fassen kann. 
Geben Sie mir einen Rat!(229) 

      Ihr
          August Strindberg
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An Mathile Prager
Brief Nummer 78
 
12 rue de la Grande Chaumière
   Paris 29.12.95(230)
 Hochgeehrte Frau,
Die Sache ist die. Ich bin dabei, die zwei ersten Bogen der Arbeit, die ich genannt habe, zu drucken, und als ich es gelesen hatte, fand ich es für die NEUE FREIE(231)  zu wissenschaftlich. Ich drucke indessen nur 300 Exemplare, als Manuskript, die vier ersten Kapitel enthaltend und bestimmt zur kostenlosen Verteilung  unter Freunden, Anhängern und Lehrjungen, auch für Gönner, von denen ich Hilfe für die Deckung der Druckkosten erwarte, die jedoch bescheiden sind = 120 Francs für 
64 kleine Seiten und einen Umschlag. 
Es gibt auch eine Umständigkeit, die mich von der NEUEN FREIEN PRESSE abschreckt - Das, was jetzt anläuft, sind nur Extrakte, aus vielmals geschriebenen, verkommenen und reineweg gestohlenen Manuskripten. Es setzt beim Leser  die Kenntnis meiner vorher hier und da veröffentlichten Abhandlungen voraus, vor allen Dingen des "Antibarbarus". Aber ich referiere auch Aufzeichnungen, die 
mir vorenthalten werden, die abhanden gekommen sind; stütze meine  Annahmen auf Beweise aus Notizen, Laboratoriumsprotokollen, Büchern, die ich nicht mehr zur Verfügung habe und die ich beim Korrekturlesen zum Verzweifeln vermißt habe. 
Deshalb sende ich nur die Druckbogen, die in der nächsten Woche fertig sind und die Inschrift tragen: 
 Réimpression et traduction libre.
Ich habe nämlich aufgehört mit Literatur zu handeln, suche keinen Verleger, weil ich keinen Herrn haben will, verlange kein Honorar, sondern lasse volle Freiheit für Reproduktionen, aber vorbehalte mir auch dadurch volle Freiheit nach meiner Vorstellung zu schreiben. Armut und Freiheit. 
Was die Besprechung der "Introduction"(232) in der NEUE FREIE angeht, so erwarte ich mir nichts Gutes davon, denn die Voraussetzungen und vielleicht der gute Wille fehlt. Ich gebe Ihnen, geehrte Frau, deshalb diese Zusammenfassung. 
Im Jahr 1888 gab ich "Blomstermålningar och Djurstycken" (Blumenbilder und Tierstücke) heraus, wo ich, unter einer leichten Oberfläche, Zweifel  an der damals herrschenden furchtbaren deskriptiven Naturwissenschaft. 1894, "Antibarbarus"(233) . Das Heft II kam niemals heraus, sondern ich mußte mich von meinen  Büchern, Instrumenten und Papieren nach Paris begeben und verstehende und ungefährliche  Menschen suchen, sowie in Zeitungen  und 
Zeitschriften für den unterhalt schreiben. 
Im Januar 1895 war ich Hospital Saint Louis, da meine zerstörten  Hände heilen mußten, weil ich mich nicht mal mehr selbst ankleiden konnte. Personen, die meine Anwesenheit in Paris fürchteten, verbreiteten das Gerücht, um meine Anwesenheit zu erschweren, ich habe die Hände beim unvorsichtigen Hantieren mit Sprengstoffen verbrannt (Anarchist). Darauf kamen von LE MATIN und LE TEMPS  Journalisten, um zu fragen. Ich benutzte das Unglück, um über meine Chemie zu 
sprechen und schrieb in  LE TEMPS über die Zusammensetzung des Schwefels. Der Redakteur(234) schnitt meinen Artikel aus, mischte aus eigenen Antrieb  Berthelot(235) ein. Ich wurde gezwungen, Berthelot zu schreiben, der höflich und nicht abweisend antwortete. 
Das Signal war gegeben und alle Furchtsamen, die in Stille meine Ansichten trugen, krochen hervor. Obalski in SCIENCE FRANCAISE, Gautier in LE FIGARO, Dubasc in LE TRAVAILLEUR NORMAND schrieben es, und hundert Zeitungen druckten es nach. 
Ich entwickelte den Stoff in einer Abhandlung für Berthelot, in einem Artikel in LE FIGARO(236) und in einem in SCIENCE FRANCAISE. Danach ging ich in das Laboratorium der Sorbonne und bekam durch das Durchführen des Kohleschwefelexperiments vollen Beweis der Zusammensetzung des Schwefels, der nach einem früheren Beweis einer analytischen Anstalt Kohle enthält. 
Im Mai schrieb ich in LE TEMPS über Jod. Das weckte Aufmerksamkeit und sogar Unruhe an der Börse, da ein Jodring, der all Jod in der Welt aufgekauft (14 Millionen Mark) hat, einen Krach fürchtete. Ein Agent lief bei mir ein und aus und bat mich "das Geheimnis" für unglaublich Summen zu verkaufen. Aber da es sich um kein Geheimnis handelte, bat ich ihn selbst Jod zu machen. Er mischte einen Chemiker ein, sowie den Deputierten  Naquet, woraufhin ich nach Schweden reiste. 
Dort machte ich eine Zusammenfassung, einen Extrakt aus allen meinen 
Ergebnissen und Spekulationen. Das wurde die "Introduction". Das ist sozusagen nur ein Register und unbegreiflich für jene, die das Buch = "Antibarbarus" und alle Abhandlungen nicht gelesen haben. 
Ich fürchte also, einen Beurteiler in der N.FR.PR. zu finden, wie es andererseits von großem Gewicht wäre dort dieselbe Anerkennung zu bekommen, die ich hier habe, und das aus Gründen, die Sie wahrscheinlich ahnen oder fühlen. 
Es war ein langes Jahr des Leidens, Kämpfen und Arbeitens für mich und obwohl ich Hoffnung für Verbesserung nicht sehen kann, gehe ich zum Kampf voll gerüstet entgegen, bereit auf das Schlimmste. 
Mit Dank für dieses Jahr und Ihnen ein gutes Neues wünschend 
  Mit ausgezeichneter Hochachtung 
     Ihr
             August Strindberg
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An Torsten Hedlund
Brief Nummer 79
   [ Zirka 22.Februar 1896]
 Guter Herr Hedlund,
Ihre Rettung kam in letzter Stund,(237) als ich alle Hoffnung habe fahren lassen, und ich habe noch nicht Zeit gehabt, mich davon zu erholen oder an der überstandenen Gefahr zu erfreuen. 
Kam aus dem Hotel und dem Ärger, kam aber nicht länger, sondern zog in ein anderes Hotel, das merkwürdigerweise  Orfila heißt, nach dem  großen Chemiker(238) 1820 - 1830, welcher mir über die Natur des Schwefels Sicherheit gab.(239)  Ja, ich bin krank und ziehe das Land der Kleinstadt vor, wo man immer tortiert wird, wenn man nicht in Saus und Braus mit Hinz und Kunz leben will. Das erfuhr ich vorigen Sommer in Ystad, als die Freundlichkeit so weit ging, daß man die Hauswand neben dem Haus, wo ich wohnte, niederrieß, mit der Folge, daß ich floh 
und - ohne Übertreibung - mein Haus ein paar Tage nach meiner Abreise, 
einstürzte. 
Ich glaube, wir müssen einander treffen, denn eine Bekanntschaft per Post kann nicht lange reichen. Ein mißverstandenes Wort, ein unbegründetes Gerücht, eine unterlassene Mitteilung und es ist Schluß. Sie mögen glauben, ich fürchtete, Sie werden es übelnehmen, daß ich mich direkt an die HANDELSTIDNING wandte, ohne Ihre Vermittlung.(240) Aber ich war gezwungen, mich direkt an den 
Chefredakteur zu wenden, Redakteure sind nun einmal so; wollte es Ihnen sagen, was ich getan hatte, war aber paralytisch, dachte, das erfährt Herr Thorsten H. sowieso u.s.w. 
Ich bin Nervenkrank, vielleicht hauptsächlich wegen der Zerrissenheit meiner Arbeit. Ein Stück auf Deutsch (Antibarbarus), ein Stück auf Französisch (Sylva S.), zwei Stücke auf Schwedisch. Das gibt keine Kontinuität und ich muß unaufhörlich Einwendungen beantworten, welche viele Male vorher beantwortet sind.Wenn ich nur eine Möglichkeit sähe, mit Sylva Hft 2 fortsetzen  zu können und die Physik zu 
lassen,  um wie Aristoteles zur Metaphysik , den Menschen und Gott, sowie den Rätseln der Schöpfung überzugehen. 
Sie sagen Karma! Warum nicht gleich: Gott. Das erfordert Mut, denn das ist nicht modern. Trostlos doch für mich, daß keine der bestehenden Religionen mich zufriedenstellen kann, am wenigsten das Christentum - Dem Gott des Alten Testaments bin ich näher, denn er kann hassen und schlagen, aber auch verzeihen und er tröstet in den Sorgen, wenn er den Zweck des Bösen, was uns geschieht, verstehen läßt. 
Ich bin systematisch heimgesucht worden in den letzten Monaten: Erst raste ich und hob die Hand gegen den Himmel. Aber dann las ich Hiob und ich beugte mich, für Gott, nicht für Menschen, und ich trage mein Schicksal mit mehr Ruhe, ohne Warten auf andere Belohnung als die Sublimierung der Sinne, die Trauer schenkt. 
Tränen wässern wie Frühlingsregen, so daß es danach wächst. 
Ihrem Brief zufolge, scheinen Sie ratlos, wohin mein Geschick gelenkt werden sollte. Beschließen Sie, ich folge blind, wie Tobias seinem Führer. Eines scheint sicher: Ich muß fort von hier! Ich glaube mein Leben sollte unter ihren Augen sein, denn der Haß, den ich erweckt ist unmenschlich und die Feinde sind unsichtbar und zu viele! 
Ich möchte auch mehr wissen über ihre Theosophie, im Vergleich mit dem wissenschaftlichen Okkultismus der INITATION(241) (Rochas, Papus, u.a.), wobei der spätere eine Anknüpfung an Tradition und die Löung von Rätseln sucht. Den Versuch der Theosophie, die Menschen zu verbessern und die Gesellschaftsprobleme zu lösen, sehe ich als Eingriff in Gottes Fügung, da das was geschieht, Schlechtes in Besonderheit, mit seinem Willen geschieht, entweder als Strafe oder zur Besserung. Er steuert selbst und niemand  hat das Recht, sich über diese Steuerung zu sorgen. 
Ich möchte gerne zu Ihrem Bauernhof(242) kommen, auch wenn Ihre Landschaft an der Westküste trist ist, aber es ist gut trist zu sein. 
Nur einen Wunsch der Gesundheit meiner Seele: Weder muß ich jemanden sehen oder sprechen vor 5 oder 6 am Nachmittag, und ich wohne so, daß ich keine Menschenstimmen höre. 
Schließlich: Haben Sie nicht zu hohe Gedanken über meine Aufgabe im Leben! ich bin bescheidener, als Sie glauben, obwohl ich wohl weiß, daß große Kräfte in meiner schwachen Seele wirken; so daß ich, wenn ich mich mit anderen Menschen vergleiche, mit großen Mut erfüllt werde, den andere als Anmaßung deuten können. 
Das letzte Wort, das das Erste hätte sein sollen: Danke! 
   Ihr
              August Strindberg
Expédié par August Strindberg 60 rue d'Assas Hôtel Orfila.
        Paris.
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Hotel  Orfila
 
An Henrik Hedlund
Brief Nummer 80
  60 rue d'Assas, Paris 8.März 1896
 Herr Redakteur Hedlund,
Wenn man es ganz richtig machen will, geht es vollständig in die Binsen. 
Wenn Sie vor meinem zweiten Artikel(243) den Eindruck bekommen haben, daß ich Anspruch erhebe auf Entdeckung der X-Strahlen, ja, dann bin ich verloren, denn das war niemals meine Absicht gewesen. Wenn ich ohne Kamera und Linse belichte, dann, das versteht sich, auch ohne Kassette;  ganz einfach nur eine Platte, die in den  Entwickler gelegt wird. Nun wird man Humbug und Schwindel schreien und ich stehe, wie gewöhnlich, ohne Antwort, ohne Wehr. 
Daß ich die Konjunktur der X-Strahlen benutzte, um über meine Versuche Kenntnis zu geben und dabei meine Theorien zu verdeutlichen, ist doch ein verzeihlicher und gewöhnlicher Opportunismus, aber eine unverdiente Ehre in Anspruch nehmen, das ist wohlverdiente Schande. 
Können Sie das wieder gut machen mit einer kurzen Erklärung von mir?(244) 
Wenn wir jetzt Ärger für dieses bekommen, werden Sie wohl abgeschreckt von diesen Wanderungen durch die ganze Schöpfung (im "Jardin des Plantes"), welche ich durch  Herrn Torsten Hedlund Ihnen erbot(245) 
Genau auf diese Art ist meine ganze Schriftstellerei schließlich in Stücke gegangen und ich selbst in Splitter! Und doch muß ich fortsetzen und wieder von vorn anfangen, wieder von vorn anfangen. 
Indessen bin ich froh, daß ich gedruckt bin, und haben Sie Dank für den 
Ehrenplatz, der erste Artikel. 
Erwartend den andern Artikel und einige Worte über die Aufnahme. 
         Ihr
   August Strindberg
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An Torsten Hedlund
Brief Nummer 81
  60 rue d'Assas, Paris 22.März 1896
 Werter Herr Hedlund.
So erwache ich einen Frühjahrsmorgen zur Wirklichkeit und sehe unerfüllte Pflichten hinter mir in Form von unversorgten Kindern. Begreife die Notwendigkeit eines Kompromisses mit dem Leben. Ich muß handeln wie Sie und die meisten anderen. Spalte meine Persönlichkeit, lebe exoterisch bei der Arbeit und der Schinderei und beim Schrubben gegen den Dreck der Welt und muß dabei meine innere Entwicklung - bis auf weiteres - für mich behalten. Also demnächst: Eine einzige meiner vielen halbfertigen Erfindungen ausführen. Mit einem Wort, mich 
billig als Erfinder , denn das bin ich, etablieren. 
In diesem Sinne schrieb ich heute an Birger Mörner, der seit vielen Jahren mir ein guter Freund gewesen ist und nun in besseren Kreisen als Advokat verkehrt, und bat ihn, zu versuchen, ein einfaches Laboratorium zu stiften 
Zunächst sollte ausgeführt werden: 
    Photographie in Farben.
Teleskop (nach neuen billigen Prinzipien = Analogie: Das Telephon).
Die Nutzung der Luftelektrizität als Kraftquelle.
Die Herstellung des Phosphors aus Schwefel.
Jod aus Steinkohle.
Die Umwandlung des Kupfers in Nickel.
Schwefelsäure aus Alaunschiefer des Kinnekulle.(246)
Öffnung des Ädelfors-Goldwerkes(247) und größere Extraktion mit meinen Methoden.
Steinkohle aus den Dalformationen(248)    (Dalsland).
Die Verbesserung der Eisen- und Stahlmetallurgie.
Schwefelsäurefabrik in Dylta.(249)
Öffnung von niedergelegten Kobolt- und Nickelgruben und Umwandlung des
Kobolts in Nickel (Los, Tunaberg, Vena, u.a.)
Wasserlampe. Mit Wasser als Leuchtstoff (ohne Elektrizität).
Wasserbrennstoff (ohne Dynamos).
Auerlampe für 5 Öre pro Glühstrumpf.
Die Umwandlung der Sulfate in Phosphat als Düngemittel.
Schwefelhölzer ohne Phosphor.
 Etc. Etc.
Um Mörner zu helfen (und mir) könnten Sie so gut sein, und ihm die Nummern der GHT mit Sorbonne und X-Strahlen zu schicken!  
Seine Adresse: 73 Nybrogatan in Sthlm. 
Und gleichzeitig, die selben Nummern an Doktor Eliasson in Ystad. 
Dunkle Ahnungen sagen mir einen schlechten Ausgang mit den gesandten Jardin-de-Plantes-Briefen! Wir werden  sehn! 
   Ihr
  August Strindberg
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An Birger Mörner
Brief Nummer 82
  60 Rue d'Assas, Paris
  1896 März 23
 Lieber Mörner,
Ich vergaß ja, erfüllt von mir selbst, eine direkte Frage  von Dir zu beantworten. 
"Ein Sammler von Autographen behauptet, einen alten Brief von Dir zu besitzen, in dem Du angegeben haben "sollst", Johan Grönstedt habe die Prosaedition  des "Meister Olaf"  d u r c h g e f ü h r t ." 
Was ist das? Durchgeführt. Hat er sie geschrieben, oder sie gedruckt? Keineswegs, da ich sie selbst verfaßt habe (ohne Hilfe der Frauen Strindberg) und Isidor Bonnier sie gedruckt hat. 
Es handelt sich wohl um die deutsche Übersetzung, als G. in den 70er Jahren in Deutschland Reisender in schwedischer Dramatik war und mit mir über M.O. korrespondierte (vielleicht hatte ich ihn gebeten, es für die deutsche Szene zu arrangieren!?)(250) 
Aber antworte  jedenfalls im nächsten Brief, was mit Durschgeführt gemeint ist. Die Legendensammlung  wächst, wie Du siehst und "Glückspeters Fahrt"  soll ja auch von der Italienerin gestohlen sein(251) , ungeachtet der Tatsache, daß die italienische Dramatik von mir gestohlen hat (Giacosa u.a.) und auch die deutsche  ("Ehre","Heimat" und "Hanneles Himmelfahrt",(252) alles!) Hervieu, hier, stahl den ganzen "Vater" und spielte ihn auf  dem THÉÂTRE FRANCAISE.(253) "Man" wurde nur von ihm gewendet, wie ein Kleidungsstück, so daß innen nach außen kam. Aber ich empfand doch Machtgefühl,  als ich sah, wie ich das THÉÂTRE FRANCAISE beeinflußt hatte. 
Eigenes, ich werde immer der Vater sein, der die Spermatozoon hervorbringt, befruchtet; und so stiehlt man die Kinder. Man weiß das auch und deshalb werde ich gehaßt mit dem grenzenlosen Haß der ganzen Dankesschuld. 
Du, höre, für mich etwas durch Wissenschaftler in Schweden zu suchen wird kaum glücken, aber  mit der Industrie, denn nun ist alles Industrie und die Industrie handelt um Tatsachen. 
Was ist  de Laval? Ein Erfinder, der nichts erfunden hat, aber der alles erfinden will. Er soll den Separator erfunden haben, aber die Zentrifuge gab es schon  früher und von der Dampfturbine hat er weder die Dampfmaschiene noch die Turbine erfunden. Aber das macht nichts - Glaubst Du, er würde mit mir arbeiten: an 
 dem Teleskop (das billige neue), 
 der Luftelektrizität als Antriebsmittel. 
                   Ect. 
Der Mann hat ja Landeigentum und Laboratorium; aber er scheint dünkelhaft und allwissend, wie ein Ingenieur, der glaubt, alles wäre ausgerechnet. Wenn er erst einmal mich kennen lernen möchte, wäre viel gewonnen und wenn wir dann Schwedens Höchstleistungen zur Weltausstellung 1900 vorbereiten, wäre es an der Zeit, anzufangen. 
Dieses als Postskriptum! 
   Freundlichst
            August Strindberg.
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An Mathilde Prager
Brief Nummer 83
   24.März 1896
 Hochgeehrte Frau,
Vor einigen Tagen übersandte ich Ihnen zwei Artikel über die Sorbonne und über die X-Strahlen. Inwiefern diese übersetzt herausgegeben werden können, nachdem sie in einer im Ausland ungelesenen schwedischen Zeitung gedruckt sind, weiß ich nicht, aber da ich kein Honorar begehre, ist es wohl möglich. 
Indessen habe ich jetzt eine größere Arbeit angefangen: Wanderungen  im Jardin des Plantes, und das Steinreich vollendet, sowie ein Abschnitt der Gewächswelt, um dann zu den Tieren überzugehen und mit dem Menschen abzuschließen. 
Das wird ein Buch, das Verleger auf Schwedisch (und Französisch) hat und das ich zu gelegener Zeit Ihnen zur Ansicht schicken werde. 
In der Zwischenzeit und als ein Abbruch will ich ausschließlich  für die NEUE FREIE PRESSE einen Artikel über die modernen Goldmacher in Paris schreiben, die ich kennengelernt habe, besonders Tiffereau, dem klassischen, der bereits 1854 Gold machte und das auch vom Münzwerk bestätigt bekam. Dieses ist vollkommen ernst gemeint, so jetzt kämpft man schon um die Ehre und wir sind vier "Alchimisten", die um den Rekord kämpfen, die Goldprobe zur Weltausstellung in Paris 1900 abzuliefern. 
Zur gleichen Ausstellung vorbereite ich:Transmutation des Kupfers in Nickel (schon halbfertig); das neue Teleskop (in Analogie zum Telephon) ohne große Kosten; die Anwendung der Luftelektrizität als billige Antriebskraft;  sowie direkte Photographie in Farben.  
Folglich ist das ein gutes Stück Arbeit, aber mit einem bestimmten Ziel und einem wahrscheinlich langen Leben vor sich, wo vieles  Verlorenes  wiedergewonnen werden kann, sollte es zu machen sein. 
Dankbar bestätige ich erst jetzt den Empfang Ihrer wohlwollenden Kritik(254) und 
zeichne
  mit ausgezeichneter Hochachtung
         August Strindberg
60 rue d'Assas, Hôtel Orfila
          Paris.
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An Torsten Hedlund.
Brief Nummer 84
   Paris, 21. April 1896
 Werter Herr Torsten Hedlund,
Warum zurückkehren zum Bekannten und nicht  vorwärts gehen und das bisher Unbekannte suchen? 
Warum sind die Papusisten n[icht] Theosophen wenn sie an Gott (Theos) und die Weisheit durch Gott glauben? Während die Theosophen nicht an Gott glauben und demnach keine Theosophen sind! (255) 
Alles ist so und alles ist nicht so. Also Nichts ist und Alles ist. Worte! Worte! 
Mein Leben ist ins Stocken gekommen,  die Tatenlust ist verschwunden, seit meine Manuskripte  bei Ihnen begraben sind. Ich weiß es und einige mit mir, daß in diesen Papieren  zwei neue Richtungen  der Wissenschaft verborgen liegen. 
Ich weiß, daß meine Reflexionen über das Geschehen bei der Chemischen Analyse von grundsätzlicher Bedeutung für die Chemie der Zukunft sein werden - 
Ich weiß, daß meine Forschungen über Kristallaggregate eine neue Wissenschaft einleiten, die ich 1890 gründete;(256) und ich weiß, daß Nordenskiöld(257) gerade jetzt mit diesem Stoff beschäftigt ist, wo er radebrecht und ich frei lesen kann und doch er die ganze Ehre in nächster Zeit in Anspruch nehmen wird. Wenn ich da meine 
Stimme erhebe und sage: Das wußte ich schon, ja dann schweigt man oder grinst! 
So ist mein Leben geschrieben! 
Und das nennt man sonst tragisch. Kein Wunder, wenn ich bei diesem Leben resigniere: Sagt es: Gott will es, daß Du niemals anerkannt wirst. 
Und jeder Tag bringt größere oder kleinere Demütigungen, kleinere oder größere Entmutigungen, wenn ein unschuldiger Wunsch unterdrückt wird. 
Verurteilt zum Bettler, von Natur ungeeignet zu erwerben und zu behalten, frage ich mich oft, ob ich weniger Rein bin, weil doch das Geld zu den Reinen gehen soll. 
Alle Juden, zu denen das Geld auch geht, nennen sich rein und mich unrein, aber ich teile nicht ihre Meinung und sie nicht meine. 
Soll ich wieder nach Schweden, wo alle sich als normal ansehen und mich für einen Toren halten. Das ist recht bitter, aber ich habe Vergleichbares früher ertragen und noch Schlimmeres. 
Danke für die Überweisungen(258) 
    Ihr
            August Strindberg
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Das Infernogemälde
 
An Mathilde Prager
Brief Nummer 85
  60 rue d'Assas, Paris 22 April 96
 Hochgeehrte Frau.
Meine Goldmacherei(259) hat Sie wahrscheinlich erschreckt, und ich kann es verstehen. Schicke eine Broschüre, um zu zeigen, daß ich nicht einsam bin. Wir sind jetzt vier Unglücksraben: Tiffereau, Vial, Jollivet-Castelot und der Unterschreibende. Bei den beiden ersten habe ich Gold gesehen und ich übersende Ihnen zum Spaß meine ersten schwachen Versuche nach eigenen Methoden. Es handelt sich, wie gesagt, um einen Anfang, nicht einmal etwas Halbfertiges. Es handelt sich keineswegs um einen Zufall, der mich so weit gebracht hat, sondern ich 
bin  von den Fundstellen in der Natur ausgegangen und habe dann weitergesucht, spekuliert, studiert und experimentiert. 
Das Rohmaterial ist Eisen, also billig, und  Goldmineral mit einem Gehalt von 1/30000 lohnt zu bearbeiten. Sollte sich das bestätigen, kann es für die Industrie Bedeutung bekommen, aber das interessiert mich weniger. 
Das Gold in Transvaal kann man nicht ohne Mikroskop sehen. Meines kann man bei Sonnenlicht unter einer Lupe sehen. 
Sollten die übersandten Proben nachgedunkelt sein, können sie über einer geöffneten Ammoniakflasche (nur in den Dämpfen) und bei schwacher Wärme über einer Lampenflamme wieder zu Glanz kommen. (Am Besten über einer glühenden Zigarre.) Glauben Sie nur nicht, daß ich eine große Illusion habe oder viel auf diese erste Probe baue. Es ist ein langer Weg bis 1900. 
Ich bitte Sie, nichts von dieser Sache  zu veröffentlichen. Ein Chemiker wird bei der Analyse sagen: Es ist Eisen. Doch das sage ich ja selbst: mit Zusatz: aber es sind auch Spuren von Gold. Und darum handelt es sich. 
Hoffentlich haben Sie die zwei Nummern der GÖTEBORGS HANDELSTIDNING erhalten und haben bemerkt, daß ich das Gerücht widerlegt habe, ich hätte die Röntgenstrahlen erfunden, was ich niemals behauptet hatte(260) 
  Mit ausgezeichneter Hochachtung
            August Strindberg
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An Torsten Hedlund
Brief Nummer 86
   Paris   27. April 1896
Werter Herr Thorsten Hedlund
Undankbar bin ich, denn das Leben ist eine Gnade, allein das, und es ist wohl eine Pflicht, um jeden Preis weiterzuleben. Deshalb verzeihen Sie, daß ich mich beklagte! 
Wollen Sie "Jardin des Plantes"(261) drucken, dann bin ich froh und Sie sollen mich nicht bezahlen, denn das haben Sie bereits getan. 
Dagegen will ich Ihnen ein Geheimnis mitteilen, die die Verleger mir offenbarten. 
Und das lautet: Es gibt vom Unterzeichner nicht ein Buch, das nicht "schlägt"."Es kommt auf den Namen an" und der rohen Neugier. 
 Aber jetzt kommt die Frage:  Schlagen Sie das erste Heft aus, so wird es wieder abgeschnitten. 
Andererseits will ich keine Broschüre. 
Alles was ich Ihnen geschickt habe, den ganzen "Sylva Sylvarum" und die 
Fortsetzung mit Physik, Astronomie und Okkultismus. 
(Mein Okkultismus, theistisch, wie Gott in seiner Gnade mich hat "sehen" lassen, und was Sie schwarz nennen, was unbescheiden ist, denn Sie kennen ihn nicht, folglich habe ich nicht gewollt, daß Sie , der Einfachste, ihn verhöhnen.) 
Nocheinmal, wollen Sie die Hefte und die Subskription in den vier skandinavischen Ländern, so meinetwegen, aber nur mit dem festen Versprechen, daß Sie nicht wieder von den Fratzen vom Fortsetzen abgehalten werden. 
Eine schlechte Kritik hat bisher nicht das "Geschäft" für den Verleger zerstört! 
Ich bin am 22. Januar 1849 geboren ( am 22.Januar  sind mehr als nur ich 
geboren; Schauen Sie in ein Geburtstagsalbum; Genau 100 Jahre nach Goethes Geburt (Glauben Sie nur nicht, ich sei Goethe). 
Aber so wie Alles in meinem Leben, etwas schief, etwas befleckt, etwas beschwerlich ist, so ist es auch mit meiner Geburt. Der vierte von den Geschwistern, bin ich der erste, der ehelich geboren, aber nicht ehelich gezeugt worden ist.(262) Die Stunde kenne ich nicht. 
Ich heiße Johan August; meine Mutter Ulrika Eleonora Norling, mit Stiefvater Söderström, auch eigenermaßen verdrießlich! 
Meine Mutter wandelte im Schlaf und war eine nacht, lange vor meiner Geburt, nahe daran, als Dieb niedergeschossen zu werden, als sie nicht antwortete auf den Ruf: Wer da? 
Mein Vater, der aus Jämtland-Ångermanland (Strinne) kommt, stammt von einem priesterlichen Geschlecht. [---] Sein Cousin war der Künstler Holmbergsson, der ein "Wahrsager" war. Man erzählt, daß er in den Sägespänen des Fußbodens im großväterlichen Schuppen "sah". 
Höre nun! Lies Per Wieselgrens Biographie über Holmbergsson (im 
Biographischen Lexikon. Und das Vorwort zu Holmbergssons Nonne.....(Namen 
vergessen)....Lebensgeschick oder sowas.(263) 
Lebe wohl! So lange, und schreibe zurückhaltend über meine Magie! 
Hiermit eine Probe meines Goldes. Es ist noch schlecht und widersteht nicht vollständig den Reagenzstoffen, aber es wird mit jedem Tag besser. 
Es ist aus Eisen gemacht, so wie die Natur es macht. 
Tiffereau(264) hat mich besucht, es gesehen und keinen Zweifel gehegt, daß in diesem Eisen Gold ist. 
Die Sache wird diskutiert! 
"Das Gold" wird mit der Lupe im Sonnenschein betrachtet. 
Vergleiche diese beiden Signaturen! 
Mein blutiger Freund ist auch verschwunden.(265) 
       Ihr
             August Strindberg
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An Birger Mörner
Brief Nummer 87
   1. Mai 1896, Paris
 Lieber Mörner,
Während Sie sich vom Erschrecken(266) erholen, stirbt die Kuh. 
Ich übersende morgen das Originalmanuskript des "Le plaidoyer d'un Fou" (Französisch) und verlange dafür 20 Francs umgehend. 
Wrangel erzählte hier, daß neulich meine Briefe auf einer Auktion  für 6 Kronen verkauft worden seien.(267) 
Richard Bergh! Zum Teufel, was macht dieser Mensch!(268) 
  hastigst freundlichst 
  August Strindberg
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An Anders Eliasson
Brief Nummer 88
   60 rue d'Assas, Paris
   3. Mai 1896
 Elias!
Also: Für einen Augenblick beide Ohren. Du kannst Dich sicher erinnern, wie ich in Ystad auf dem Hofe lag und Planeten durch ein Mikroskop betrachtete, woran ein Magister der Philosophie seinen Spaß fand.(269) 
Doch ich hatte recht, und mehr als das, denn das Mikroskop + konkaver Spiegel ist ein Teleskop. 
Kaum zu glauben,  aber es scheint, daß der so teure  Brennspiegel in Newtons Teleskop unnötig war. Siehe Zeichnung weiter unten! (270) 
Stelle vorsichtig diese Fangfrage an den Lehrer:  Wie wird das Bild in einem Konkavspiegel, wenn der Gegenstand hinter dem Zentrum liegt? - Nimm Bleistift und Papier und bitte ihn, die Rolle des Spiegels (Konkav-) im Teleskop zu erklären. 
In Herschels Teleskop gibt es keinen Planspiegel und man betrachtet das Bild direkt mit der Lupe! 
[ Es folgt eine Aufstellung mitgesandter Zeichnungen über Teleskop und 
Mikroskop] 
Das Mikroskop ist ein umgewendetes Teleskop:  Also, wende das Mikroskop um und betrachte das Bild des Planeten im Konkavspiegel. 
Lichtschwach, wird man einwenden!  Antwort: "Das terristische Fernrohr... dessen Bild durch ein zusammengesetztes Mikroskop umgekehrt wird." 
                   Newtons Teleskop: 
Gesetz für konkave Spiegel:  Erstens. das Objekt (Der Planet) befindet sich hinter dem Zentrum des Spiegels und das Bild ist reell, umgewendet und kleiner als das Objekt(der Planet). Der Planet befindet sich ja hinter (außerhalb) des Zentrums des Spiegels und wird deshalb verkleinert. 
Dieses verkleinerte Bild wird von einem Planspiegel aufgefangen und durch eine Lupe betrachtet. Die Lupe (Tubus) vergrößert somit. Weg mit dem teuren Spiegel also und weg mit dem lichtstehlenden Planspiegel. Wie soll das Riesenteleskop aber dann konstruiert werden? Oder ist die ganze Optik zum Teufel! 
      (   - - - ZEICHNUNG - - -   ) 
  
Jetzt kommt etwas anderes! 
Vergrößern nur Sammellinsen? Nein, Prismen vergrößern und eine Sammellinse sind ja zwei Prismen = (Zeichnung) 
                 [---] 
Beachte! Die Sterne sind weniger sichtbar desto stärker das Fernglas vergrößert. 
Warum? Antwort ( = der Lehrer! ): Weil die Sterne unendlich weit weg sind! 
Entgegenung: Lüge! Denn wenn sie "unendlich" weit weg wären, könnte man sie nicht mit den bloßen Augen sehen. 
Was lehrt uns die Optik über Gegenstände, die durch Vergrößerung verkleinert werden? Dies: Nur virtuelle (reflektierende) Bilder werden vom Vergrößerungsglas verkleinert. Die Sterne sind virtuelle Bilder, vom großen Konkavspiegel (Kristallhimmel) reflektierte und verkleinerte Bilder der Sonne(?) 
(Ein begrenztes Weltall, Doebler, Leipzig, Friedrich 1892 (?)(271) 
Mein privates Schicksal!  Ja, wie immer und mit 47 Jahren keine Verbesserung. Bin von schwedischen Flegeln von der Grande Chaumière durch Intrigen vertrieben worden. Das Zimmer, es war eins, war hübsch und kostete 50 Kronen  im Monat. Es war zu hübsch für mich und deshalb - raus! Ein Zimmer war zuviel! 
Am vierten dieses Monats ist der Scheidungsprozeß in Wien.  Immer prozessieren! 
Die Holde war reichlich heikel und schickte die Vorladung durch die hiesige Polizei! 
Warum kann ich eine Ehe nicht ertragen? Ich kann mich nicht für die Scheißlaunen einer Frau beugen. Außerdem  - die Liebe muß wie im Rausch genossen werden - hastig, vorübergehend und neu! Zusammen Seite an Seite  zu verrotten, das ist dumm und häßlich. Es gab herrliche Augenblicke in dieser wie in der ersten Ehe, großartige und die Erinnerungen verbleiben!  Requiescat! 
Wenn ich hinauf nach Schweden muß, kann ich  Saßnitz - Trelleborg nehmen? (272) 
Ist dort schon geöffnet? Und Dich imvorüberfahren begrüßen? 
Friede!
  Freundlichst
     August Strindberg
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An Torsten Hedlund
 
Brief Nummer 89
  60 rue d'Assas 17.Mai 1896
 Werter Herr Thorsten Hedlund,
Doch, Sie sollen schreiben, was Sie wollen,(273) denn es gibt immer etwas gutes in Ihren Briefen, denn  Sie streben und Sie geben in Ihren Briefen Ihre beste Inkarnation. Aber Sie müssen mir zugestehen, ohne Bosheit, zu antworten, so sehen Sie die andere Seite der Sache und auf diese Weise haben Sie auch etwas davon. 
Es gibt in Ihrem letzten Brief zwei große, böse Wörter, die mir nicht zum ersten Male im Leben begegnen, und gefährliche Wörter, denn sie öffnen die Tore zum Irrenhaus: Größenwahn und Verfolgungsmanie. 
Sie wissen, ich habe mit zwei unbedeutenden Frauen zusammengelebt, die beide mich einsperren wollten, weil ich ihre kleinen Seelen nicht bewundern wollte, und andererseits mich nicht darin finden wollte, wie ein Idiot behandelt zu werden. 
Wenn nun ein Mann findet, daß große Kräfte in ihm werken, und er demütig erkennt, diese Kräfte sind nicht von ihm, sondern von oben gegeben, so hat dieser Mann nicht Größenwahn, besonders, wenn er die Keimfähigkeit dieser Kräfte, die in ihm wirken, aufzeigen kann. 
Aber die kleine Frau, die Wahnvorstellungen bekommt, daß sie über diesen Mann steht, weil er seine unbedeutende exoterische Inkarnation unter ihre Mütterlichkeit plaziert, sie hat Wahnvorstellungen und Größenwahn. 
Wenn ein Mann faktisch verfolgt ist, so daß alles was er tut, zerrissen, bespuckt, mit Schmutz bestrichen wird; wenn er mit Prozessen verfolgt, mit Gefängnis bedroht, fälschlich beschuldigt Anachist zu sein, gejagd von Land zu Land; bedroht  mit Irrenhaus, von Geldschulden gehetzt, trakassiert auf öffentlichen Plätzen; und wenn die Feinde sich im Hotel, wo er wohnt, einfinden und den Wirt warnen  etc.;  wenn dieser Mann, der verfolgt ist, die Vorstellung hat, er sei verfolgt, so ist das keine 
Wahnvorstellung oder Manie. 
Hat ein Mann ein kleines Verbrechen begangen und fürchtet die Folgen, so wächst in diesem Lump schnell die Vorstellung, der Gekränkte verfolge ihn, und, wenn  es sich nicht so verhält, so hat der Lump Verfolgungsmanie und kann am Ende im Irrenhaus landen, welches er selbst instinktiv  als Zuflucht sucht; oder er will die Aussage des Gekränkten annullieren, in dem er diesen für wahnsinnig erklären läßt. 
Ich habe alle diese Fälle erlebt; und ich werde einmal darüber schreiben. 
Ich bitte Sie: nehmen Sie alle Nachrichten über mich von hier mit Skepsis auf. 
Im Herbst erzählte ich Ihnen, daß ich abends zu einer "stillen Familie" ging.(274)  Ging dorthin - ein Jahr lang - weil die Frau im Hause, während meiner großen Hospitalmisere, mich in das Krankenhaus hineinbettelte. Gefesselt durch Dankbarkeit sah ich nur, was ich sehen wollte - Güte!  Sprach gut über das Haus, so daß es besucht wurde - und bekam eine gewisse Autorität. Als endlich die Schamlosigkeit über alle Grenzen gegangen war, und meine Seele angeekelt wurde, ging ich davon, ohne Bosheit.  Aber das wurde mir nicht verziehen. "Undankbarkeit" - natürlich, und das  ganze Koppel wurde auf mich gehetzt. Nun 
hörte ich neulich, Ellen Key habe eine Dame hingeschickt, um sich über meinen Seelenzustand zu erkundigen (was geht es sie an?). Sie verstehen, welche Informationen ihr dort gegeben wurden. 
Ist es richtig, von schlechten Menschen wohl zu reden - weil sie einem Geld und Mitleid verschafften? Ist man nicht durch seine Dankbarkeit gekauft? - Man hat eine Autorität geschaffen, aus Dankbarkeit, und so wird man bestraft, wenn diese die Autorität mißbrauchen. 
Am Ende weiß man nicht, wie man sich hier im Leben benehmen soll. 
Warum ermahnen Sie mich immer, ich solle mein Ich ausrotten? 
Das ist doch meine heiligste Pflicht dieses Selbst zu pflegen, aufzubauen und zu beobachten, denn sonst wird es zu den kleinen ekligen Ichs, die nichts geben, nur aussaugen, die sich aufdrängen und mit Dreck beschmieren, herabgezogen. 
Das Studieren  der großen Pyramiden beenden. Wer hat die gebaut?  - Ein Hirtenvolk, das keine Mathematik, Astronomie oder Mechanik konnte? Nein! 
Wahrscheinlich ist es vom selben Geschlecht, das auch die Staffanshöhle, die Hünengräber, Zyklopmauern gebaut hat: mit einem Wort, die Riesen. Die Genesis sagt: Gottes Söhne stiegen auf die Erde herunter und vermehrten sich mit den Töchtern der Menschen. Daraus wurden die Riesen geboren. Ovid, der skeptische Römer, der hoch gebildete, der eine große Kosmologie und die Metamorphosen (= Transmutationen) geschrieben hatte, glaubte an Riesen und das Goldene 
Zeitalter. Er log nicht und er war nicht dumm! 
   Ihr
             August Strindberg.
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An Anders Eliasson
Brief Nummer 90
   60 rue d'Assas. 18. Mai 1896
 Elias,
Um zwei große Fliegen mit einem Streich  zu schlagen, warum nicht über Berlin fahren und Schleich, Asch und deren Freund Lagerhans, der ein e.o.Professor oder sowas an der Universität ( oder Charité) ist, besuchen. Diese drei Männer sind Antidoktrinäre und haben den furchtbaren Harden mit ZUKUNFT  zu ihrer Verfügung. Schleich(275) hat eine eigene Klinik, wo er mit lokaler Anästhesie operiert.
Er führte Die Heerscharen gegen Kochs Lymphe und hat dann Lagerhans in einem Streit gegen Serum unterstützt.( Es war sein Brief an mich, den ich Dir übersandte.
Jetzt ist er wohl von einem gewissen Weibsbild(276) gegen mich vergiftet worden, nenne also mich keinesfalls.)
[---]
Schleich ist ein sehr liebenswerter und suggestiver Mann, ein Feuergeist, aber ohne Bosheit. Ich bin sicher, ein oder zwei Tage in Berlin mit diesen Herren würde Dich erheben - Dir Machtgefühl geben, besonders weil diese Männer eine in Schweden vollständig fehlende Eigenschaft haben, Anzuerkennen, ja zu Bewundern, wo sie einen neuen Gedanken antreffen. Außerdem ist Malmö-Stralsund (277) ein schöner Trip und Berlin-Paris ist ja der große Reiseweg , ohne Schwierigkeiten.
Mach das! Und Du hast gut getan! Fühlst Du Resonanz, dann übergebe Deine Abhandlung an Schleich. Er hat einen schwedischen Sklaven, der sie übersetzt und Du bekommst sie ohne Kosten gedruckt und so wird sie ins Französische geschwindelt, ohne Kosten und Beschwer.
Kostet genausoviel wie Dänemark und Hamburg!
   Freundlichst
   August Strindberg
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An Karin, Greta und Hans Strindberg.
Brief Nummer 91
   Paris, 30. Mai 1896
             60 rue d'Assas, Hotel Orfila
 Geliebte Kinder,
Was ist nun das? Wißt ihr denn nicht, daß ist Nils Strindberg, der Sohn meines Cousins Oskar Strindberg, der mit André im Ballon  zum Nordpol reisen wird? Ich gehe auf keine Expedition, weder gefährlich  noch ungefährlich. Aber welch böser Mensch  hat an euch telegraphiert. Und wie war das Telegramm adressiert? "An die Kinder Strindberg? oder Karin Strindberg?(278) Und kam das Telegramm von Stockholm?" beantwortet mir dies! -  Oder war Nils Strindberg in Helsinki und war es sein Papa, der ihm telegraphierte? und das Telegramm kam zu euch?(279)
Döbeln ist ja ein finnischer Dampfer!
Ich verstehe das nicht, denn kein Mensch in Schweden glaubt, daß es sich um mich handelt, der mit zum Pol geht.
Hat jemand in meinem Namen telegraphiert, so ist es ein Böswilliger oder ein Verrückter.
  Über mich und euch!
An Karin schrieb ich einen langen Brief im vergangenen Herbst. Ich bat euch, daß ihr euch  an den Verleger  Wentzel Hagelstein wenden solltet, falls es Tantiemen gab und das sie euch gehören. Auch bei Gallén, dem Maler(280)
Erbat eine Antwort! Hörte nichts!
Ihr seid krank gewesen : in meiner absoluten Einsamkeit habe ich Unruhe für euch gefühlt.
Habe auch geschrieben, daß ich im Elend stecke, vollständig ohne Einkommen, ohne mein Verschulden. Jetzt habe schließlich Speise und Obdach bekommen von barmherzigen Menschen in Schweden, die den Betrag direkt dorthin schicken, wo ich in Paris wohne, ich sehe niemals die Gelder.(281) Aber deshalb bin ich nicht am Ende, denn ich arbeite, doch nunmehr in Naturwissenschaft, was kein Geld einbringt, aber dessen ungeachtet erfüllt es mich mit Interesse fürs Leben und es gibt Aussichten.
Vergeßt nicht dieses! - Falls mir etwas passiert, so daß ich sterbe, habt ihr meine Gesammelten Schriften, die sind viel Geld wert, 20 bis 30.000 Kronen. Schreibt an Graf  Carl Snoilsky, Oberbibliothekar in der Königlichen Bibliothek Stockholm, und bittet ihn, euch mit dem Verkauf zu helfen. Er ist Mitglied des schwedischen Schriftstellerverbandes, wo ich Mitglied bin und er hilft euch.
Ihr seid alleinige Erben, denn mein Kind in der zweiten Ehe hat reiche Erblasser und erhebt keine Ansprüche. Außerdem ist meine zweite Ehe ungültig erklärt worden (merkt euch das genau!) denn meine Frau war Katholikin  und die Ehe mit einem geschiedenen Mann, wenn die erste Frau lebt, ist in Östereich ungültig.
Einmal habe ich , euretwillen, Albert Bonnier angeboten, (auch privat) daß er meine  Gesmmelten Schriften jetzt kauft und euch 10.000 Kronen gibt. Aber er ist ein böser und unbarmherziger Mensch, den ich nicht  mehr kenne, seit er sich weigerte, euch ein paar hundert Mark im Herbst 1893 zu schicken.(282) Aber er ist feige und kann erschreckt werden. Bittet Mamma, einen Weg auszudenken, auf ihn einzuwirken. Oder ihm direkt zu schreiben, und mit Unterstützung dieses Briefes (das geht wohl nicht an, denn da steht, daß er böse ist?) oder eines anderen Papiers
ihn zu bitten, euch so und so viel zu geben, natürlich gegen Sicherheit in den Gesammelten Schriften;  oder unmittelbarer Verkauf. er soll sechs Millionen besitzen!
Krank bin ich nicht, aber alt werde ich nicht, denn das Leben ist unbehaglich, mir fehlen die Eigenschaften, die das Leben erträglich machen: sich zu beugen und das Geld zusammen zu kratzen. Habe schon siebenvierzig Jahre gefüllt, ohne daß das Alter mich geniert. Aber ich habe genug bekommen, vom Bösen und vom Guten!
Wahrscheinlich ist, daß ich nach meinem Tode mehr Beachtung finden werde, als ich sie im Leben fand und das wird euch zunutze kommen.
Möchte so gerne eure Portraits haben, das wißt ihr.
Aber antwortet nun einmal, Punkt für Punkt und versteckt diesen Brief, der für euxh ein wichtiges Dokument ist.
Es ist Abend und ich bin müde; vielleicht bekomme ich morgen eine Idee und Kraft die notwendigen Briefe zu schreiben. Ich habe so viele geschrieben und Nein bekommen, daß ich den Glauben am Gelingen verloren habe und deshalb auch die Energien in dieser Richtung.
Lebt wohl so lange, Kinder und schreibt bald wieder!
   Euer Freund
              August Strindberg


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